Vergiftungen durch tierische Gifte.
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Aus dieser durch exakte Experimente wohlbegründeten Berechnung ergibt sich, daß nur sehr wenig Serum erforderlich ist, um die natürliche Widerstandsfähigkeit eines Menschen oder größeren Tieres in ausreichendem Maße zu steigern. Bei Behandlung von Gebissenen genügen deswegen in der Regel 10—20 ccm Serum zur sicheren Heilung. Zahlreiche klinische Belege sind hierfür in den letzten Jahren aus den verschiedenen Ländern in der Literatur niedergelegt worden.
Schwieriger ist es, bei dem jetzigen Stande unserer Kenntnisse zu präzisieren, wie sich der Einfluß des Serums der schädlichen Wirkung des Giftes gegenüber im Körper geltend macht.
Verfasser hat lange an dem Standpunkte festgehalten, daß sich ein rein physiologischer Vorgang abspielt und den Beweis hierfür in folgender Tatsache zu finden geglaubt: Wenn man in vitro eine Dosis Gift mit einer neutralisierenden Dosis Serum mischt, die Mischung eine halbe Stunde auf 68° C erwärmt und dann einem Tiere injiziert, so tötet die Einspritzung das Versuchstier wie das reine Gift, allerdings mit bemerkenswerter Verspätung des tödlichen Ausgangs. Das Serum beeinflußt in dem Gemisch das Gift also chemisch nicht, sondern läßt es unverändert, ein Zeichen, daß das Serum auf die für das Gift empfindlichen zelligen Elemente im Körper, aber nicht auf das Gift selbst einwirkt.
Martin und Cherry haben aber bei Wiederholung unserer Versuche herausgefunden, daß nur bei sofortiger Erwärmung der soeben angefertigten Mischung von Gift und Serum die vom Verfasser beobachtete Toxizität bestehen bleibt. Wenn man aber das Gemenge erst 20 Minuten nach der Zubereitung erwärmt, so ist keinerlei Giftwirkung mehr zu bemerken. Verfasser muß diese Beobachtung als vollkommen zutreffend bezeichnen. Außerdem haben die schon erwähnten Untersuchungen von Kyes im Laboratorium Ehrlicii's den Beweis erbracht, daß das Gift mit gewissen Bestandteilen des Serums, besonders mit dem Lecithin eine chemische Verbindung unter Bildung von hämo ly sie r enden ungiftigen Lecithideu «ingeht, während das Neurotoxin frei bleibt.
Die Annahme einer chemischen Wechselwirkung zwischen Gift und Serum ist also als erwiesen zu betrachten.
VH.
Beliaudluug des Schlangenbisses. Serumtlierapie.
Die in den verschiedenen Ländern gegen den Biß der Giftschlangen empfohlenen Medikamente sind zahllos, der Arzneischatz der Eingeborenen birgt überall angeblich unfehlbare Heilmittel in Überfluß.
Im äquatorialen Amerika und in ganz Indien schreibt man einer Menge von Pflanzen wunderbare Heilkraft zu, welche nur in der Phantasie der sie verordnenden „Psyllen“ oder Heilkünstler vorhanden ist.
Der Probe eines ernsthaften Versuchs gegenüber halten diese Mittel ebensowenig stand, wie die zahlreichen zusammengesetzten Droguen verschiedenster Herkunft, welche durch meine Hände gegangen sind.
Hiermit soll aber keineswegs der große Nutzen einiger Chemikalien von bestimmter Zusammensetzung geleugnet werden, welche nicht als physiologische Antidote wirken, sondern das Gift in der Wunde verändern oder zerstören können, solange es noch nicht in den Kreislauf aufgenommen worden ist.
Unter dieser Voraussetzung können das übermangansaure Kali, die Chromsäure, das Goldchlorid und die unterchlorigsauren Alkalien, besonders der uuter- chlorigsaure Kalk (Chlorkalk) in vielen Fällen mit Erfolg angewandt werden.
Meise, Handbuch der Tropenkrankheiten. I. 21