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Prof. Dr. A. Calmette.
V.
Natürliche Immunität gewisser Tiere gegenüber (lern Schlangengift.
Es ist schon lange bekannt, daß gewisse warmblütige Tiere, nämlich die Manguste, das Schwein, das Stachelschwein und einige Pelikanarten, der Culebrero und Guacabo, welche in den Wäldern von Columbien heimisch sind, eine natürliche Immunität gegen den Biß giftiger Schlangen besitzen. Das Schwein verschlingt gierig die Vipern. In den an den Mississippi und seine Nebenflüsse angrenzenden Landstrichen Nordamerikas, wo die Täler von Sclilangen wimmeln, züchtet man Schweine eigens zu dem Zwecke, die jungen Crotalus und andere Reptilien zu vertilgen.
Während meines Aufenthalts in Indochina habe ich einem Ferkel eine Dosis Cobra-Giit eingeimpft, welche ausreichend ist, um einen großen Hund zu töten, zehn Milligramm. Das Tier vertrug das Gift. Trotzdem kann ich nicht annehmen, daß es sich hier um eine wirkliche Immunität handelt. "Wahrscheinlich verdankt das Schwein seine Widerstandsfähigkeit gegen das Gift dem Umstand, daß seine Haut mit einer mächtigen sehr wenig Blutgefäße enthaltenden Fettschicht gepolstert ist, in welcher die Absorption des Giftes sehr langsam vor sich geht. Diese Auffassung wird durch das von mir nachgewiesene Fehlen jeglicher antitoxischer Substanz im Schweinserum gestützt. Mischungen von Cobra-Gift in tödlicher Menge mit 3,5 und 8 ccm Schweineserum brachten Kaninchen ebenso rasch zum Verenden, wie gleiche Mengen Giftes in Kaninchenserum oder physiologischer Kochsalzlösung die Kontrolltiere.
Die natürliche Immunität der Manyusten, Herpestes Ichneumon, und Igel beruht auf besser bekannten wissenschaftlichen Grundsätzen. Ich habe die Immunität dieser kleinen Raubtiere an auf Guadeloupe eingefangenen Tieren studiert. Auf dieser Insel gibt es keine Giftschlangen, die Immunität konnte also nicht durch Gewöhnung an das Schlangengift entstanden sein. Es ergab sich, daß die Immunität des Ichneumons keineswegs eine absolute ist, denn die Tiere vertrugen im Vergleich zu ihrer Körpermasse sehr große Mengen Gift, erlagen aber einer Dosis, welche neunmal so groß war als die für ein Kaninchen tödliche. Ihre Überlegenheit im Kampfe mit Giftschlangen verdanken also diese kleinen Nagetiere wohl zum größten Teile ihrer fabelhaften Gewandtheit.
Lewix, Phisalix und Bertram» haben die Widerstandsfähigkeit der Igel gegen das Krcmottcr-Giit durch zahlreiche Versuche studiert. Die Igel machen eifrig Jagd auf Vipern und fressen sie ungestraft. Trotz der schützenden Stacheln und ihrer großen Behendigkeit bekommen die Igel manchmal einen Biß ab, gehen aber selten daran ein. Auch die Einimpfung recht großer Mengen Gift greift sie nicht an. Erst das Vierzigfache der für ein Meerschweinchen tödlichen Menge Viperngift tötet diese zähen Tiere.
Nach Phisalix und Bertram) enthält das normale Igelblut Stoffe, welche für die gewöhnlichen Laboratoriumstiere giftig sind. Durch Erhitzen des Blutes auf 58° verliert es diese Eigenschaft und wirkt als Antitoxin, so daß Meerschweinchen damit in das Peritoneum injiziert gleich darauf das Doppelte der sonst tödlichen Dosis Viperngift vertrugen.
Es scheinen also im Igelblute antitoxische Stoffe vorhanden zu sein, ohne daß auch hier eine eigentliche Immunität vorliegt.
Mit den Pelikanen Columbiens verhält es sich wahrscheinlich ähnlich. Wissenschaftliche Beobachtungen liegen über diese Frage noch nicht vor. Leider sind