Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1905)
Entstehung
Seite
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Vergiftungen durch pflanzliche Gifte.

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oberungszügen dieVulnera scythica kennen, welche ihnen die Meister in der Ver­fertigung vergifteter Waffen, die Skythen, beibrachten. Es ist auch erwiesen, daß sich die Kelten und Germanen bis zum Mittelalter solcher Waffen bedienten. Mit der Ein­führung der Feuerwaffen mußte dann das ganze alte Arsenal vergifteter wie blanker Waffen verschwinden.

Auch die wilden und unzivilisierten Völker der Tropen verlassen nach und nach ihre Waffen von geringer Tragweite, weil sie in Berührung mit der europäischen Kultur sich unserer Gewehre bedienen lernen. Um also die primitiven Waffen, besonders ver­giftete Pfeile, noch anzutreffen, sind wir genötigt, die tief im afrikanischen und amerika­nischen Hinterland wohnenden Stämme oder gewisse Völkerschaften im malayischen Archipel oder unter den Papuas aufzusuchen, welche weit von den großen Verkehrs­wegen entfernt leben.

Die wichtigsten Pfeilgifte.

Die Pfeilgifte werden meistens dem Pflanzenreiche entnommen, nur wenige Völker verwenden Gifte tierischer Herkunft oder giftige im Erdboden sich vor­findende Mikroorganismen (Vibrionen, Tetauusbazillen). Es seien hier nur erstere besprochen. Diese sind wieder in den einzelnen Ländern aus verschiedenen gift­haltigen einheimischen Pflanzen gewonnen. So ist in Südamerika das aus ver­schiedenen Stryclinaceen gewonnene Curare im Gebrauch. Die mit Strophantus vergifteten Pfeile sind eine Eigentümlichkeit des schwarzen Erdteils, besonders des Sudans und des Zambesigebietes. Die Pflanzen der Gattung Strophantus gehören zur Familie der Aporyneen. Andere Arten von Apocyneen liefern das im Somali­lande gebräuchliche Wabajo. Bei den Malaien kommt das Upasgift aus Antiaris toxicaria (Fam. Artocarpeae) zur Verwendung.

Die chirurgische Behandlung der Pfeilschüsse hat bei den verschiedenen Giften nach denselben Grundsätzen zu erfolgen.

Die Verwundungen müssen -wie jede andere Schnitt- oder Stichwunde be­handelt werden. Die Wunden sind jedoch selten glatt und rein, sondern durch die blattförmige Spitze und deren Widerhaken vielfach zerfetzt, so daß eine sorg­fältige Desinfektion und Blutstillung mit oder ohne Erweiterung der Wunde notwendig ist. um das Eintreten von Eiterinfektion oder Tetanus zu verhüten, was um so mehr zu befürchten ist, als die zerrissenen Gewebe meistens durch Erde, Schmutz u. dgl. verunreinigt sind.

Die wichtigste Eigentümlichkeit dieser Verletzungen beruht darauf, daß der Pfeil häufig in der Muskulatur usw. feststeckt, von wo er ohne die Spitze zurückzulassen entfernt werden muß. Wenn der Pfeil fast ganz durch einen Körperteil hindurch gedrungen ist, so daß an der dem Einschuß entgegengesetzten Seite die Spitze ge­fühlt werden kann, so ist auf diese einzuschneiden und die Pfeilspitze durch die so geschaffene Gegenöffnung zu extrahieren. Sobald die Spitze freigelegt ist und sicht­bar wird, sucht man sie mit einer Pinzette zu fassen, wobei man auf den Schaft einen leichten Druck in der Richtung des Wundkanals ausübt. Sobald die Spitze mit ihren Widerhaken frei geworden ist, kneift man den Schaft an der Hautober­fläche mit der Knochenzange ab und entfernt ihn durch die Einschußöffnung. Nur in den seltenen Fällen, wo die Spitze sich schon vom Schafte gelöst hat, kann man ohne weiteres den Schaft nach der einen und die Spitze nach der anderen Seite entfernen. Besonders ist darauf zu achten, daß die Verschnürung, d. h. die Fäden, mit welchen oft das Blatt am Schafte befestigt ist, mit der Spitze vollkommen ent­fernt wird und nichts davon in der Wunde zurückbleibt. Zu diesem Zwecke sind oft lauge und tiefe Inzisionen erforderlich, besonders wenn die Spitze sich in einen Knochen eingebohrt hat oder in beträchtlicher Tiefe zwischen Muskeln und Sehnen