Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1905)
Entstehung
Seite
223
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Die Nerven- und Geisteskrankheiten in den Tropen.

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In den britischen Kolonien kamen bei großer Sonnenhitze plötzliche Todesfälle bei Soldaten auf dem Schlachtfelde vor. Die betreffenden Mannschaften fielen nieder mit dem Gesicht zur Erde und starben nach einigen Zuckungen. Ursache unbekannt. (Herzlähmung?)

B. Geisteskrankheiten.

Wie bei den Nervenkrankheiten begegnet man beim Studium der tropischen Psychosen den Klagen, daß Statistik und Literatur dürftig und schwer zugänglich sind, wozu sich noch die fast unüberwindliche Schwierigkeit gesellt, daß jede Nationalität, ja nahezu jeder Autor eine eigene Nomenklatur benützt, so daß ein Vergleich der Psychosen in den verschiedenen Tropenländern zurzeit nahezu un­möglich ist. Nach Buschan erkranken die Neger selten an Chorea, Tabes (trotz häufiger Lues), häufig au Tetanus und an der Schlafkrankheit, machmal an Hysterie. Bei den unkultivierten Schwarzen sind Psychosen selten; Idiotie zeigt sich bis­weilen. Beim Kulturneger findet sich oft Manie und Paralyse, selten Melancholie und Paranoia, manchmal Epilepsie, relativ selten alkoholistisclie Geistesstörungen (trotz des verbreiteten Alkoholismus).

Mangelhafte Sprach- und ethnologische Kenntnis bei dem Beobachter, Mißtrauen und Angst auf seiten der Bevölkerung sind meistens dem europäischen Arzte bei der Untersuchung hinderlich und nur wenigen wird es gegeben sein, sich so in ein Natur­volk einzuleben, daß ihre Äußerungen Vertrauen erwecken und eine richtige Inter­pretation erfahren; dazu kommt, daß das Geistesleben der Naturvölker bisher nur wenig Beachtung gefunden hat, und daß diese Völker einen gewissen Bar­barismus los sein müssen, wollen sie in psychiatrischem Sinne entdeckt sein.

Eine allgemeine psychologische Schilderung des Naturmenschen, wozu die übergroße Zahl der eigentlichen Tropenbewohner ja gehören, würde wegen der ab­weichenden ethnologischen Eigenschaften unmöglich scheinen, wenn nicht beim Naturmenschen das sekundäre, erweiterte, mutualistische Ich (Meyxert) gegenüber dem primären, engen, parasitischen bedeutend zurückträte. Dadurch entsteht eine mangelhafte Beherrschung der Affekte, eine dürftige Entwicklung der Gedanken­assoziationen, wodurch dieser sowohl in affektiver, wie in intellektueller Kichtung sich mehr als Sinnenmensch gegenüber den Geistesmenschen eines Kulturvolkes prä­sentiert. Die Folge davon ist eine psychische Gleichmäßigkeit und Gleichförmig- - keit der Naturmenschen in allen Gegenden der Erde und so wird es möglich sein, die Beobachtungen des psychischen Lebens in physiologischem und pathologischem Sinne eines bestimmten Volkes in casu der malayischeu Rasse auf andere Tropenvölker zu übertragen und für sie zu benützen.

Über den Einfluß des Klimas auf die Entstehung von Geisteskrankheiten bei Europäern ist noch sehr wenig bekannt. Es fehlen Angaben fast gänzlich, zum Teil weil in den meisten Tropenländern die Vollbluteuropäer noch eine verschwindende Minderheit bilden.

In den Gegenden, wo eine beträchtliche Zahl Europäer lebt, stellt vielfach die Armee ein sehr bedeutendes Kontingent. Nun werden die meisten Kolonial­heere aus Freiwilligen rekrutiert, wodurch sich bekanntlich viele ruhelose Menschen mit Neigung zum Aus wandern, Berufswechsel und Abenteuern, Kandidaten für die