Die Nerven- und Geisteskrankheiten in den Tropen.
Von
P. C. J. van Jfrero,
Arzt der Staatsirrenanstalt zu Lawang (Java).
A. Nervenkrankheiten.
Sieht man von Beri-Beri und Lepra ab — ■wenn man diese zu den Nervenkrankheiten rechnen will — so sind unsere Kenntnisse über die Verbreitung, Erscheinungen, Ätiologie usw. der verschiedenen Nervenkrankheiten bei den eigentlichen Tropenbewohnern recht dürftig und das aus dem einfachen Grunde, weil diese nicht oft zur Behandlung seitens europäischer Ärzte kommen.
Einzelne Krankheiten, welche den Befallenen nicht an das Haus oder Bett fesseln und eine rasche Diagnose gestatten, sieht man nicht so selten z. B. Epilepsie, cerebrale Kinderlähmung, Peroneuslähmung. Auch Asthma ist ein häufig vorkommendes Leiden, es wird bei den einheimischen Irren viel angetroffen und muß m. E. als ein funktionelles Stigma degenerationis aufgefaßt werden. Wittenberg fand bei den Chinesen in Süd-Chi na Tabes, multiple Sklerose, Neuralgien, mimischen Gesichtskrampf, Hysterie und Epilepsie, letztere sogar nicht selten.
Bei Europäern und Mischlingen werden die verschiedenen, in Europa bekannten Krankheiten gefunden, ohne, soweit meine Erfahrung reicht, in ihrem Auftreten, Verbreitungsweise von denselben Krankheiten in Europa erheblich abzuweichen. Eine Ausnahme macht die Neurasthenie, was ihre Frequenz betrifft; diese ist weit größer als in der gemäßigten Zone. Eine beträchtliche Zahl Europäer erkrankt daran noch längere oder kürzere Zeit in mehr oder weniger starkem Maße; und auch ohne bestimmt krank zu sein, lebt der Europäer in den Tropen ,,half speed“ und es bildet sich allmählich ein hypovitalischer Zustand heraus, worin durch geringfügige Ursachen eine Exacerbation oder Erkrankung (Neurasthenie) entstehen kann.
Diese Zustände werden von Laien und Ärzten vielfach verkannt, für larvierte Malaria gehalten und natürlich mit Chinin behandelt, so daß die bekannten Nebenwirkungen dieser Arznei das schon an sich gestörte Nervenleben noch mehr beeinträchtigen. Das Gefühl von Gesundheit und Kraft, die daraus resultierende Lebensund Schaffensfreude ist bedeutend weniger kräftig entwickelt und ohne Zweifel stellt das Tropenklima an Pflichttreue und Nächstenliebe schwierigere und stetigere Anforderungen, weil das Nervensystem sich in einem reizbaren Schwächezustand befindet.