Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1905)
Entstehung
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Von Würmern und Arthropoden hervorgerufene Erkrankungen.

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Filariasis.

Von einer Filariasis spricht man gegenwärtig noch überall da, wo mikroskopisch kleine, zarte -Rundwürmer, die Larven von der Familie der Filaridae angehörenden Nematoden, im Blute ( Filaria sanguinis hominis Lewis 1872) oder anderen KörperHiissig- keiten (Lymphe, Urin) gefunden werden. Im Laufe der Zeit hat sich herausgestellt, daß dieseBlutfilarien nicht immer und überall einer und derselben zoologischen Spezies an­gehören; zu einigen dieser abweichenden Larvenformen scheinen auch bereits die er­wachsenen Tiere gefunden zu sein; jedenfalls steht heute fest, daß der Mensch der Wirt einer Anzahl verschiedener Filariaarten sein kann. Von hervorragender pathologischer Bedeutung ist unter diesen nur eine, gleichzeitig diejenige, deren Larven zuerst entdeckt wurden; sie hat nach dem Entdecker der geschlechtsreifen Tiere, Josei>h Bancroft in Brisbane, Australien, von Cobbold 1877 den Namen Filaria hancrofti erhalten.

Trotzdem ihre zoologische Charakteristik und ihre Lebensgeschichte, besonders in­folge der unermüdlichen Forschungen Mansons, heute als wohlbekannt gelten, halte ich es für beinahe sicher, dal! nicht alles, was zur Zeit als Filaria hancrofti angesprochen wird, wirklich diese Art ist. Aus der Literatur ergibt sich ferner, daß auch die patho­logischen Veränderungen, welche der Filaria hancrofti zugeschrieben werden, je nach den Gegenden in ihrer Art und ihrer Intensität mannigfach wechseln, und starke Meinungs- differenzen bestehen sogar unter maßgebenden Autoren, ob gewisse Erkrankungsformen überhaupt auf das Konto der Filariasis zu setzen sind, oder nicht. Wir kommen hierauf später (cf. S. 164) zurück und besprechen zunächst diese Erkrankungsformen selbst.

Die von Filaria braiicrof'ti hervorgerufenen Erkrankungen.

Filaria hancrofti wird zurzeit als in fast allen tropischen und subtropischen Gegenden der Erde heimisch betrachtet, doch ist die Häufigkeit ihres Vorkommens je nach den Orten sehr verschieden. Besonders heimgesucht erscheinen die Küstengebiete (Indien, China, Westafrika, Brasilien) und die kleineren Inseln der Südsee (Freundschafts-, Gesellschaftsinseln), wo nach den Angaben einzelner Beobachter bis zu 70 °/ 0 der Bevölkerung (z. B. die Insel Huahine der Gesellschaftsinseln) von Filariasis befallen sind.

Der Parasitismus der Filaria hancrofti ist nicht notwendig mit Gesundheits­störungen verbunden, vielmehr werden die Larven oft nur bei Gelegenheit syste­matischer Untersuchungen im Blute entdeckt. Nach Annett, Dutton und Elliott sind z. B. in gewissen Distrikten der afrikanischen Westküste bis zu 50 % der Be­völkerung mit Blutfilarien behaftet, ohne daß diese letzteren ihre Gegenwart in irgend einer Weise äußerlich verraten; dasselbe konstatiert Low mit Bezug auf St. Kitts, Westindien, und ähnliches gilt, obwohl in bedeutend geringerem Grade, auch für Egypten. Auf solche Befunde hin ist die Ansicht geäußert worden, daß nicht das Auftreten, sondern das Fehlen von Symptomen als der normale Zustand bei Filariasis anzusehen sei. Allgemein gültig ist dies keinesfalls, denn in anderen Gegenden sind Störungen nicht nur häufig, sondern treten auch in sehr verschie­dener Art auf, entweder isoliert, oder ineinander übergehend, oder endlich zu mehreren nebeneinander.

Nach Manson, der wohl der erfahrenste Kenner der Filariasis ist, führt der Parasitismus der Filaria hancrofti zur Bildung von Abszessen, zu Lymphangitis, varikösen Leisten- und Achseldrüsen, zu Lymphscrotum, Lymphvaricen, Orchitis, Chylurie, Elephantiasis der Beine, des Scrotums, der Vulva, der Arme, der Mammae etc., Chylocele und vielleicht auch zu chylösem Ascites, chyloser Diarrhöe und anderen Erkrankungen der Lymphgefäße. Die relative Häufigkeit dieser Erkrankungsformen scheint je nach den Örtlichkeiten großem Wechsel unterworfen. So ist nach Manson in Südchina Elephantiasis der Beine die bei weitem gewöhn-

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