Teil eines Werkes 
Bd. 2 (1910) Togo, Südwestafrika, Schutzgebiete in der Südsee und Kiautschougebiet / hrsg. von Hans Meyer
Entstehung
Seite
718
Einzelbild herunterladen
 

506

Das Kinutschougcbiet.

Tsingtau niemals in so großartigem Maße Beherrscherin des nordchinesischen Verkehrs werden können wie Hongkong für Süd-, Schanghai für Mittelchina. Der Verkehr wird stets den kürzesten Weg zu Wasser aufsuchen, der ihm möglich ist, und so wird Tsingtau auch nach Vollendung des Eisenbahnnetzes die Nebenbuhlerschaft der Paihomündung für die nörd­lichen Teile der Großen Ebene nicht völlig aus dem Felde schlagen können. Die südlichsten Teile der Großen Ebene werden voraussichtlich vom Verkehr des nähergelegenen Jangtse- kiang erobert werden; dies werden, soweit Eisenbahnen dabei in Betracht kommen, Linien wie die schon bestehende Peking-Hankou, die in Ausführung begriffene Tientsin-Pukou oder die Zukunftsbahn von Singanfu zur Mngtsemündung bewirken, und noch mehr der Wasserweg des Kaiserkanals, der noch heute trotz seiner Verwahrlosung Ein- und Ausfuhr des Südostens der Großen Ebene völlig beherrscht. Ja selbst für die Mitte der Großen Ebene wird man keine unbestrittene Herrschaft der Kiautschoubucht voraussagen dürfen, da es sehr wahrscheinlich ist, daß China, sobald es wirtschaftlich erstarkt, auch den Kaiser­kanal wiederherstellen wird, der alsdann auch in diesen Teilen den Gütermassenverkehr abfangen und zum Paiho einerseits, zum Mngtse anderseits ablenken wird.

Dasjenige Hinterland aber, für dessen überwiegenden Teil die Kiautschoubucht unter allen Umständen das geographisch günstigste Eingangstor bildet, ist die chinesische Provinz Schantung, die mit Recht deshalb auch in der internationalen Anschauung als das be­sondere Interessengebiet Deutschlands in China gilt. Über ihre wirtschaftlichen Verhältnisse orientiert die auf S. 537 gegebene Karte.

Das Kiautschougebiet.

1. Lage, Gestatt, Größe. Grenzen. KüstenentTvicKetung.

Lage, Gestalt, Größe. Das deutsche Pachtgebiet umfaßt die gesamte Wasser­fläche der Kiautschoubucht bis an die Hochwassergrenze, sodann die beiden Halbinseln, die den Eingang in die Bucht umgeben, und endlich eine Anzahl dazugehöriger Inseln. Die äußersten geographischen Koordinaten auf dem Festlande sind 35° 53' 20" und 36° 19' 30" nördl. Br., 120° 3' 14" und 120° 37' 40" östl. L. von Greenwich. Von den der Küste vorgelagerten Inseln gehören dem Gebiete die zwischen 35° 40' und 36° 10' nördl. Br. und zwischen 120° 10' und 121° östl. L. von Greenwich liegenden an. Der durch unser Gebiet hindurchgehende 36. Parallel, der fast genau den Eingang in die Bucht schneidet, ist im Abendlande bekanntlich der Breitengrad, auf dem die südlichste Spitze des Kontinents Europa, die Punta Marroqui, gelegen ist.

Die Kiautschoubucht ist ein geräumiges Meeresbecken von sehr regelmäßiger Bil­dung: der Umriß ihres inneren Hauptkörpers kommt einem Kreis mit 13 Km Radius nahe, dessen Mittelpunkt im Südwesten der Insel Mntau liegt. Hieran schließt sich eine kleine Ausbuchtung nach Südwesten. Die größte Breite der Bucht, von ihrem südlichsten bis zum nördlichsten Punkte, beträgt ca. 38 Km. Die Eingangspforte zwischen den Landspitzen Tuantan und Kap Jaeschke hat eine Breite von 3 Km. Der Flächeninhalt der Kiautschou­bucht bei Hochwasser ist 560 <;Km, d. h. annähernd ein Drittel der Fläche des Kurischen Haffs (1620 ykm) und zwei Drittel der des Stettiner Haffs (800 cikm).