8. Das Kaokofeld.
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Die größere Annäherung an den Äquator spielt selbstverständlich für den Regenreichtum der höher gelegenen Kaokogebiete auch eine Rolle; nicht aber, wie es scheint, für die tiefer gelegenen, der Namib näheren Zonen. Denn Zesfontein, mit 18° 35' südl. Br. die nördlichste Beobachtungsstation, hat im rohen Mittel nur etwa 67 nun Regenhöhe, also etwas weniger noch als Groß - Spitzkoppje in 21° 50' südl. Br.
Die Äquatornähe aber verändert mit ihrer Wärme, wo sie mit gutem Bodenwasserstand zusammenwirkt, hervorragend das Landschaftsbild des nördlichen Kaokofeldes. Die Vegetation und das Tierleben nehmen in solchen bevorzugten Gebieten schon echt tropischen Charakter an. Wir sehen Palmen in den Rivieren stehen, Giraffen und Elefanten besuchen diese Oasen. Aber weite, trockene und unzugängliche Gebiete trennen die schmalen, besiedelungsfähigen Streifen der Täler. So ist das Kaokofeld die Zuflucht der schwächeren, anderweit unterlegenen Volkselemente Südwestafrikas geworden, ein Asyl der Freiheit, mit Armut erkauft.
v. Die Bevölkerung des Kaokofeldes
zeigt dementsprechend ein buntes Bild. Von Süden herkommend fanden vor rund 40 Jahren die Zwartbooi-Hottentotten hier endlich Wohnsitze; die Topnaars sind ihre am weitesten nach Norden vorgeschobenen Rassenbrüder. Umgekehrt, von Norden kommend, haben die Herero in den Ovatjimba verarmte Stammverwandte im Kaokofeld zurückgelassen. Endlich sind hier noch die Trümmer eines Volkes zu sinden, das vielleicht einst mit den Buschmännern sich in die Herrschaft über Südafrika teilte oder, vorsichtiger gesagt, vor Hottentotten und Herero im Südwesten Afrikas wohnte und in diesem Sinne als „Urbevölkerung" angesprochen werden könnte: die Bergdamara (Taf. 14, Bild 2 und 5).
Wir stehen hier vor einem Rätsel der Völkerkunde, auf das bis jetzt noch von keiner Seite auch nur ein schwaches Licht gefallen ist. In ihrer tiefschwarzen Hautfarbe weichen die Bergdamara auffallend vom Braun der Herero, von denen sie Ovazorotua, d. h. „Schwarze", genannt werden, ab. Ihre mittelgroße, gedrungene, zuweilen herkulisch muskulöse Gestalt, ihr Kurzkopf mit der oft niedrigen Stirn und ihre grobe Physiognomie mit breiter, Platter Nase und grobgewulsteten Lippen unterscheiden sie von den Bantu ihrer Umgebung.
Vergebens suchen wir nach irgendeinem ihnen spezifisch eigentümlichen ethnischen Charakterzug. Schon Pieter Brand, der an der Expedition van Reenens (S. 136) in das Groß-Namaland im Jahre 1791 teilnahm, berichtet, daß sie keine eigene Sprache hätten; sie bedienten sich schon damals, wie heute, des Hottentottischen, teilweise korrumpiert und mit mancherlei kleinen dialektischen Abweichungen.
Ihre Abh ängigkeit von den Hottentotten reicht also bis in die Zeit zurück, der die geschriebene Geschichte des Groß-Namalandes beginnt. Auch in den alten Sagen der Hottentotten taucht der Bergdamara entweder als Feind oder schon als der Knecht und die Magd auf, die man als nützlichen Familienanhang nicht schlecht behandelt, im übrigen aber als minderwertige Geschöpfe ansieht. Man gibt ihnen im Scherz dieselben Spottnamen wie den Pavianen, von denen man sie abstammen läßt, verspottet mit diesem Vergleich zunächst die stumpfe, an Paviansfell erinnernde Farbe ihrer ungewaschenen Haut, auf deren Fett- und Schmutzschicht Staub und Asche einen sahlen Überzug bilden. Zur Unterscheidung von den Gomadaman oder Viehkaffern (Herero) nennen die Hottentotten sie Chcmdaman, was sich korrekt nicht anders als mit „Scheißkaffern" übersetzen läßt. Ob sich die Bergdamara
DaS Deutsche Kolonialreich. II. 16