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Südwestafrika.
So feiert in den Sagen der Hottentotten List und Betrug überall Triumphe- der Übermacht gegenüber ist ihnen jede Notwehr recht. Sie übertragen, was diese alten Sagen erzählen, jetzt gern auf ihren eigenen politischen Untergang, gegen den sie sich vergeblich mit allen Mitteln und mit tiefem Haß gegen unsere Rasse wehrten. Hendrik Witbooi war ihr Abgott. Tyrannenmörder leben ja in jedem Volk als Helden weiter; nur nimmt der Hottentott das Leben weniger heroisch. Wie wir im Pathos des Freiheitsdramas, so empfindet er im primitiven Gleichnis, das dem Daseinskampf der Tiere in der Wildnis entnommen ist, dieselbe tiefe Genugtuung: Wenn die List des Schakals den übermächtigen Löwen in die Dornen setzt, daß er verreckt, oder den Leoparden unter dem Felsen verhungern läßt, oder wenn das kleine Erdmännchen seinen tyrannischen Herrn, den Elefanten, in die tödliche Falle lockt.
Wir müssen es uns hier versagen, Proben dieser Literatur zu geben, die bei dem Mangel einer eingebornen Schriftsprache nur zwischen Mund und Ohr der Leute lebte, bis sie in unseren Schristzeichen fixiert wurde. Vieles ist freilich chon für immer verloren gegangen. Wir müssen uns erinnern, daß um die Zeit der ersten näheren Berührung der Europäer mit den Eingebornen an der Südspitze Afrikas die Hottentotten viel weiter verbreitet und in viel mehr Stämme als heute gegliedert waren. Die Vokabularien, die uns aus dieser Zeit in Aufzeichnungen der ersten Reisenden und Missionare erhalten sind, lassen bei aller Lückenhaftigkeit so viel erkennen, daß das Hottentottische zum mindesten in vier verschiedenen Dialekten gesprochen wurde. Die Kultur, die vom Kap der Guten Hoffnung her immer weiter nordwärts vordrang, hat mit den Hottentottenstämmen, die ihr zum Opfer fielen, auch ihre Sprachen bis auf die eine vernichtet, die heute noch im deutschen Schutzgebiet gesprochen wird. Daß deren Tage auch gezählt sind, ist als sicher anzunehmen, denn das Volkstum dieser Stämme schmilzt rapid zusammen. Soweit die Geschichte zurückreicht, haben die Hottentotten sich nie zu einer Nation geeint, haben sich von jeher untereinander, mit Buschmännern, Herero und Ovambo, weiterhin im Kampfe mit Buren und endlich mit unseren Truppen aufgerieben. Wenn man vom Oranjestrom nach Süden zum Kap der Guten Hoffnung wandert, sieht man räumlich nebeneinander fortschreitend die Stadien der Zersetzung, die als Zukunftsetappen des Verfalls den überlebenden Hottentotten unseres Gebietes mit Sicherheit bevorstehen.
Aber eines hinterläßt uns das Volk, das auf so niederer Stufe stehengeblieben ist, über sein Ende hinaus als dauernden Besitz: seine Sagen und Märchen. Mag die äußere Form, in der sie uns hinterlassen sind, den Sprachforscher fesseln, ihr geistiger Gehalt steht uns rein menschlich nahe, in seiner Nacktheit und Naturwüchsigkeit ein Vermächtnis aus dem Kindesalter unseres Geschlechts.
7. Acrs Aamcrrcttcrrrö.
Das Damaraland bietet seinen Bewohnern Daseinsbedingungen auf besser gestalteter klimatischer Grundlage, als es das Namaland vermag. Seine Meereserhebung wie seine größere Annäherung an den Äquator prägen, wie wir sehen werden, seinem Klima die charakteristischen Züge ein, so wie sie das Land auch orographisch charakterisieren: das Damaraland ist das Hochgebiet des zentralen Deutsch-Süd Westafrika. Wir haben ihm außerdem den schmalen Streif des Aufstieges hinzuzurechnen, in den der Swakop sein Bett gegraben hat