Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1909) Ostafrika und Kamerun / hrsg. von Hans Meyer
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Kamerun.

Groß ist bei ihnen die Selbständigkeit des Individuums: weder der Fulbe noch der Araber läßt sich leicht terrorisieren. Was sie aber vom Neger noch besonders unterscheidet, ist der Umstand, daß sie wirklich hassen können, rachsüchtig und zu religiösem Fanatismus fähig sind. Beide sind infolgedessen die wahren Träger des Islams. Im Gegensatz zum Neger kennen sie auch wirkliches Ehrgefühl, während es der Neger nur zu einer stark ausgeprägten Eitelkeit bringt. Seine Empfindlichkeit wird freilich oft mit Ehrgefühl verwechselt.

Die Mischvölker, die sich am Südrande der Sahara zwischen Negern und fremden Einwanderern aus der Wüste gebildet haben, zeigen, wie in anthropologischer Beziehung, so auch in geistiger eine deutliche Mischung der Charaktere. Sie erreichen die Fulbe und Araber nicht, weisen aber doch erhebliche Vorzüge gegenüber den reineren Negern auf, indem sie mehr Energie, persönliche Selbständigkeit und größere Kulturfähigkeit besitzen. Bemerkenswert ist aber, daß ein ähnliches Streben nach persönlicher Selbständigkeit und Freiheit dem Waldlandneger eigen ist. Vermutlich hat das Leben in kleinen ent­legenen Siedelungen im Urwald, wo man sich leichter dem Einfluß mächtigerer Leute ent­ziehen kann, solche Neigungen gezeitigt und begünstigt. Charakterfester als andere Neger ist er aber wohl kaum.

L. Die Kulturverhältnisse.

In erster Linie werden die Kulturverhältnisse eines Volkes von den körperlichen und geistigen Eigenschaften, d. h. der größeren oder geringeren Begabung und Kultur­fähigkeit, abhängeu. Wie wir aber bereits gesehen haben, wirken Religion und Wirt­schaftsform auf die geistigen Eigenschaften der Völker oft wesentlich ein. Ähnlich steht es bezüglich der Kulturverhältnisse. Vor allem ist es dieReligion, die geradezu von ausschlaggebender Bedeutung für den Kulturzustand eines Volkes werden kann. In Kamerun kann man das deutlich beobachten, denn es besteht ein auffallender Gegensatz zwischen den Völkern, die zum Islam übergetreten sind, und den Heidenstämmen. Dieser Gegensatz beherrscht das ganze Bild, auf kulturellem Gebiet noch stärker als auf religiösem. Der Heide, dessen Religion ein bodenständiger Ahnenkultus ist und dessen Glaube sich wesent­lich auf Gespenster und Zauberei richtet, blickt kaum über sein Dorf hinaus, höchstens über­sieht er die Verhältnisse seines Volkes. Der Mohammedaner dagegen blickt bis Mekka, ja selbst bis Stambul. Er wird bekannt mit einer großartigen Weltanschauung und weitsich­tigen, idealen Vorstellungen, wenn es sich auch nicht leugnen läßt, daß ein sehr großer Teil aller derer, die sich Mohammedaner nennen, in Wirklichkeit diesen Namen nur äußer­lich verdienen. Aber der getaufte Heide wird doch ein Mitglied der verhältnismäßig hohen kulturellen, staatlichen und sozialen Sphäre, die der Islam auf afrikanischem Boden ge­schaffen hat. Wir wollen die Kulturverhältnisse in folgender Reihenfolge betrachten: 1) staat­liche und soziale Verhältnisse, 2) Wirtschaftsformen, 3) Hausbau und Siedelungen, 4) mate­rieller Kulturbesitz, 5) einheimischer Handel und Verkehr, 6) geistiger Kulturbesitz.

1. Staatliche und soziale Verhältnisse (s. das KärtchenStaatswesen" auf der Beilage, S. 491). ^

Bevor wir die speziell für Kamerun geltenden Verhältnisse schildern, seien einige allgemeine einleitende Worte gestattet. Bekanntlich ist die primitivste Organisation die Familie, aus der sich eine Horde entwickelt, d.h. ein Haufe zusammenlebender Familien ohne jede Organisation. Aus einer solchen Horde entwickelte sich aber anscheinend