Teil eines Werkes 
Bd. 1 (1909) Ostafrika und Kamerun / hrsg. von Hans Meyer
Entstehung
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16. Der Victoriasee. Ostliche Randlandschaften.

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Süden auf weiten Strecken von faulenden Pflanzen bedeckte Schlammufer hat, hat die Westküste meist felsigen oder schneeweißen Sandstrand.

Wie für die Pflanzen und für die Tiere, so ist auch für die M e n s ch e n das Victoria­feegebiet ein Mischgebiet besonderer Art. Wir erinnern uns (S. 72), daß im Seegebiet die breite, starke Schicht der Grundbantu von fremden Völkerinvasionen überlagert worden ist, die hauptsächlich aus Nordosten kamen. Sie haben in einem hamitischen Strom die Westküste bis zur Mitte der Südküste überschwemmt, in einem späteren nilotischen Strom die Ostküste bis nach Uschaschi überflutet. Das Resultat dieser nun zur Ruhe gekom­menen Bewegungen ist folgende Völkergruppierung um den See: im Nordosten und Osten südwärts bis nach Uschaschi die nilotischen Wakawirondo, Wanjipa, Wagaia und die Misch­stämme der Wasoba, Waruri und Waschaschi; südlich vom Spekegolf in Ussukuma bis an den Smithsund die von fremder Überlagerung ziemlich frei gebliebenen Wassukuma; west­lich vom Smithsund um die Südwest- und Westküste die Kinjoro sprechenden Stämme der von einer herrschenden hamitischen Wahumaschicht überlagerten Bantu von Usindja, Jhangiro, Uheia, Kisiba usw. Ihrer Lebensweise nach, die von der Landesnatur abhängt, scheiden sich diese Völker in zwei große Gruppen: 1) auf der trockenen, steppenhaften Ost­hälfte des Sees lauter Völker, die von Körnerfrüchten, Haus- und Jagdtieren leben, sich in Felle kleiden oder nackt gehen; 2) auf der feuchten, pflanzenüppigen Westseite Stämme, die hauptsächlich Bananen essen und sich in Rindenstoffe des Ficusbaumes kleiden, soweit diese Kleidung nicht durch die Ledermäntel der Wahuma und durch importierte Baum­wollenstoffe verdrängt ist ^328; 451, 460^.

2. Die Nandllmdschaften des Sees.

Skizzieren wir unter diesen Gesichtspunkten in geographischer Zusammenfassung die einzelnen deutschen Randlandschaften des Sees, so haben wir auf der Ost­seite mit Ugaia zu beginnen. Diese größtenteils baumlose, ebene oder leicht hügelige Steppenlandschaft wird von der deutsch-englischen Grenze angeschnitten. Unsere dortige Grenzstation Schirati (1180 in) verzeichnet nur 651 min Niederschläge im Jahr. Mit trockenem Sommer und ebensolchem Winter gehört die Landschaft mit zu den extremen Trockengebieten Deutsch-Ostasrikas. Enorm ist der Wildreichtum in ihren Grassteppen. Neuerdings ist in Schirati, wie auf der Westküste in Kigarama und Kischangi, ein Konzentrationslager für Schlafkranke eingerichtet worden, wo Tausende der Unglücklichen überwacht und ärztlich mit Atoxyl behandelt werden; leider bisher ohne viel Erfolg.

Die Wagaia sind Niloten wie ihre Nachbarn von Kawirondo (s. Taf. 15, Bild 4). Dem Vordringen der Wagaia nach Süden, die bis zum Marafluß die Völker mit dem Speer unterworfen und sich bis nach Ururi am See vorgeschoben hatten, hat die Anlage der Station Schirati Einhalt getan. Die Männer sind von hohem, kräftigem Wuchs, Modelle für Bild­hauer, die Weiber hübsch und zierlich ^315; 42-44. 321; 190, ivi^. Die Haut ist drucket bronzefarben oder tiefschwarz. Als Kleidung tragen sie Lederschurze, die Männer bemalen auch ihre Körper. Wie die Massai üben sie Beschneidung und brechen sich überdies die mittleren Schneidezähne des Unterkiefers aus. Die Dörfer ihrer Rundhütten sind oft mit soliden Steinmauern umgeben. Die Wcigaia treiben viel Viehzucht, aber auch reichlichen Feldbau auf Sorghum, Bohnen, Maniok, Bataten usw. Durch die Vortrefslichkeit ihrer Schmiedearbeiten zeichnen sie sich vor den meisten anderen Stämmen der Seeanwohner aus.

Das Deutsch- Kolonialreich. I. 19