Teil eines Werkes 
H. 1 (1906) Die englische Kolonialpolitik und Kolonialverwaltung / von M. von Brandt
Entstehung
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Die Definition des BegriffesKolonie" ist keine leichte, und sie soll hier auch nicht versucht werden, da dies auch von eng­lischer amtlicher Seite wenigstens in neuerer Zeit nicht gesehehen ist. Die Akte von 1889 begnügt sich damit, jeden Teil des Reichs außerhalb der britischen Inseln und Indiens als Kolonie zu bezeichnen. In statistischer und wirtschaftlicher Beziehung wird Indien freilich auch von Engländern noch immer unter die Kolonien gerechnet, und dies wird daher auch in der nachstehenden Skizze geschehen, besonders weil es kein besseres Beispiel für die Entwicklung eines Kolonialreiches aus Handelsfaktoreien gibt, als Indien dies bietet.

Auch der Beginn dessen, was man als englische Kolonial- a politik bezeichnen könnte, ist nicht leicht, festzustellen. Wenn man dafür überhaupt ein bestimmtes Datum oder eine besondere Tatsache annehmen will, so tut man vielleicht am besten, das Jahr 1577 zu wählen, in dem Sir Humphrey Gilbert seine Generalkonzession für Kolonisation (General patent of coloniza- tion) erhielt. Fast ein Jahrhundert von Entdeckungsreisen und Eroberungen war vergangen, seitdem Kolumbus 1492 Westindien gefunden hatte, und auch in England war man diesen Ereignissen gegenüber nicht gleichgültig geblieben, aber erst mit der Trennung von Rom, 152936, setzte dort die Bewegung ein, die dazu führen sollte, England zur größten Kolonialmacht und zur Beherrscherin des Meeres zu machen. Bezeichnend für die Zeit vor dieser Trennung ist, daß Cabot, der 1497 Neufund­land für England entdeckte, kein Engländer war und in den ihm 1498 erteilten Vollmachten nur von Ländern nördlich vom 44 0 n. Br. gesprochen wurde, was eine stillschweigende Aner­kennung der spanischen Prätensionen einschloß. Heinrich VIII. war Hei der Schöpfer der englischen Seemacht, seine Schiffe hielten das heimische Meer frei von flämischen, bretagnischen und schotti­schen Seeräubern dieohne Treu und Glauben weder Frieden noch Waffenstillstand achteten". Elisabeth folgte auf dem von ihrem Vater eingeschlagenen Wege, und es war hauptsächlich der Kampf gegen Spanien, der die junge engliche Flotte stählte und sie für ihre späteren größeren Aufgaben vorbereitete.

Auch schon vor 1577 hatte es freilich in England nichtoie an Plänen für die Entdeckung und Gründung von Kolonien ge-J^ fehlt. 1565 regte Sir H. Gilbert den Gedanken einer nord­westlichen Durchfahrt an, um auf diesem Wege nach Cathay (China) und Ostindien zu gelangen, und empfahl die Kolonisation der bei dieser Gelegenheit zu entdeckenden Länder durchsolch armes Volk, das jetzt im Lande Unruhe macht." Frobishers drei nördliche Fahrten, 157678, scheinen zur weiteren Ver-