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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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Sie sind, abgesehen von einer Melastomacee mit dicht und lang- gelb-bepelzten Jungtrieben durch vorwiegend kletternd hochstrebende Gewächse er­setzt. Glasharte Gewirre, die mehrere Mannshöhen erreichen, bilden sterile Bambusen, und in ihre Aus­läufer verstrickt sich ein Nepenthes mit Riesenfang- kannen von 33 cm Länge.

Wir schlugen uns durch dieses Dickicht einen

4. Rundblick

frei, um von der hohen Warte des Peripatus-Gipfels aus 1492 m Höhe Umschau über das hinter uns liegende Wanderfeld zu halten.

Auf dem elastisch federnden Boden eine brauch­bare Stütze für Peilkompaß oder Theodolit zu finden, ist unmöglich: die Stative versinken einfach oder jeder Schritt in der Nachbarschaft bringt das Instrument ins Schwanken. Wir verzichteten des­halb überhaupt auf den Erdboden als Grundlage, suchten einen möglichst starken Baum aus, der etwa 10 m unter uns am Steilhang wurzelte, und kappten ihn, wo der Stamm die Höhe unseres Standorts er­reichte. Der Stumpf war die gesuchte unerschütter­liche Plattform; zu ihr schlugen wir uns dann aus jungen Stämmen eine Brücke, umgaben sie mit einer kleinen Brüstung aus Zweigen und schufen uns so hoch über dem Abhang ein Luginsland.

Nun erst erblickten wir die Talhänge, die wir vom Fluß aus nur die ersten hundert Meter hoch verfolgen konnten, da sie von da ab in weniger stei­lem Anstieg zurücktraten, in ihrer ganzen Höhe von rund 1000 bis 1100 m über der Talsohle. Sie sind bis oben bewaldet. Nur wo ein Bergrutsch stattge­funden hatte, sah die Gleitfläche kahl herunter, aber Farne und Gebüsch nahmen von den Rändern her schnell das neue Feld in Besitz. Sturzbäche treten nur nach starkem Regen als lange, helle Silberfäden auf den dunklen Hängen hervor, sonst bleiben auch sie im Grün versteckt mit klaren Becken im Stufen­abfall stäubender Kaskaden.

Im w r eiten Gesichtskreis unseres Gipfels war der Eintritt des Jahreszeitenwechsels gut zu beob­achten. Bis einschließlich den 29. Oktober hatten wir stets Wind und Regen aus Südost, am 30. Ok­tober trieben zum erstenmal schwere Regenwolken aus Nordwest über die links-ufrigen Bergreihen. Von da ab beherrschte der Nordwest-Monsun aus­schließlich das Feld mit Regengüssen fast jede Nacht und oft auch am Tage. Nur am 10. Novem­ber fegt noch einmal der Südost-Passat den Himmel frei; zwei Tage halten dann Stillen das Gleichge­wicht im Jahreszeitenkampf der beiden Winde. Dann stößt, nun endgültig Sieger, der Nordwest mit star­ken Gewittern vor und überschwemmt mit Regen

und Dunsl das Land so dicht. dal.) auch die nahen Hänge und Gipfel den ganzen Tag über im nassen Grau verschwinden. Nur vor Sonnenaufgang tau­chen die Gipfel auf (siehe Taf. LIII.); als blaue Silhouetten erscheinen dann auch ferne Gebirgs­züge inselgleich im Meer der Nebel. Das kurze Zwielicht schwindet. Ein Schimmer erst, dann ein gleißender Fleck in den tiefen Wolken, da wo das Tal ostwärts im Unerforschten sich verliert, ver­kündet den Tag, und schnell steigt die Sonne hoch. Die Täler dampfen. Wie aus einem Kessel stoßen sie hastig aufsteigende, zerrissene Wolken in die Höhe; die schließen sich zu dicken Bänken zusam­men, und dann wirft sie ein Windstoß, alles ver­hüllend, als Nebelschleier für Stunden, zuweilen für den ganzen Tag, um uns.

Nur in der ersten Frühe, zwischen Zwielicht und nebelziehender Morgensonne wurde uns das Glück zuteil, das Waldgebirge, das uns nach tage­langem Teil-Sichten in allen Quadranten des Ge­sichtskreises, mit Lücken und Zweifeln behaftet, in unsteten Bildern nur vorschwebte, jetzt mit eine m Blick in voller Klarheit und Ruhe der Zusammen­hänge zu umfassen.

Lassen wir den Blick über das nahe Flußtal und seine Hänge hinweg nach Norden schweifen (siehe Panorama IX.), so trifft er in rund 100 km Ent­fernung auf ein Gebirge, aus dem ein Berg mit an­nähernd wagerechter, sanft gewellter Gipfellinie, der schon von der Bergpforte aus sichtbar war, sich charakteristisch heraushebt: derTafelberg", wie wir ihn in Vermutung einer ebenen Gipfelfläche nannten. Das Gebirge, das sich ihm ostwärts an­schließt, endet in einer breitzackigen, von Tälern tief zerrissenen Erhebung, die steil und massig wie eine Burg fern über den Frühnebeln blaute. Hinter ihr, nordwärts bis in die Gegend des Tafelberges geschlossen reichend, ragen Flöhenzüge auf, die selbst in klaren Stunden nur als blasse Silhouette sichtbar waren.

In noch weitere Ferne zieht sich das Bergland, das mit einem Gewirr langgestreckter, vielfach sich hintereinander schiebender Rücken und Kuppen den Gesichtskreis östlich der Blauburg begrenzt, bis ihn im Ostnordost-Punkt die Linie des nahen, hier zu hohem Kegel ansteigenden Ufergehänges über­schneidet.

Aus dem uns rings bald nah, bald fern um­gebenden Gebirge öffnet sich nur nach einer Rich­tung, nach Nordnordwest, ein Fernblick in die große Inlandebene, die wir im Nordbereich der Expedi­tionsarbeiten im Bett des Umkehrflusses, im Sepik-Bereich auf der Bootfahrt im ()ktoberflüß- chen betreten hatten. Der Sepik bildet mit den Ge-