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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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Über die Technik der Strickflccht- Arbeiten und ihre anthropogeographische Be­wertung wird später im Zusammenhang- gehandelt werden. Die Halstäschchen, kleine Beutel von 5 bis 6 cm Länge bei 2 bis 2^4 cm Breite, sind ihres Schmuckes wegen bemerkenswert: der eine trägt oben als Deckel, über die Öffnungen hängend, eine Meeresmuschel, eine Arca-Art, die uns vor die dunkle Frage nach den Beziehungen dieser Inland­horden zur fernen Küste stellt.

Mit den Menschen dieser scheuen Horde Füh­lung zu gewinnen, war nicht leicht. Den. ersten Bogenschützen (siehe Taf. XXVII.*)) lernten wir durch einen unserer Hunde kennen. Das Tier bog plötzlich aus dem Kiesbett des Flusses wenige Schritte seitwärts zum Waldrand ab und stellte laut, wie wir vermuteten ein Stück Wild, das sich mit heiseren, unartikulierten Lauten zur Wehr setzte. LIerantretend standen wir überrascht' einem Manne gegenüber, der sich unentrinnbar verraten sah und nun, den Bogen schußfertig in nervös zuckenden Händen, herausfordernd und entsetzt zugleich zwischen Angriff und Abwehr schwankte. Aber er ließ den Bogen noch zur rechten Zeit sinken, trat schließlich auch aus dem Dickicht heraus und suchte nur noch einmal, als die inzwischen nachkommende Kolonne um die Ecke bog, in den Busch zu entkom­men. Mit lächelnder Gewalt daran verhindert, faßte er endlich Zutrauen. Flußabwärts gewandt, ließ er einen langgezogenen Ruf ertönen. Nicht lange dar­nach tauchten andere Männer auf, und als auch die

herangetreten waren und von unseren friedlichen Absichten sich überzeugt hatten, folgten ihnen Weiber und Kinder. Gegen Perlen und rote Tücher tauschten sie aus, was sie am Leibe trugen: das gute Einvernehmen schien gesichert, ihr Handelsbedürfnis endgültig so befriedigt, daß sie anderen Tags am Mor­gen unseres Aufbruchs nicht wieder erschienen. Als wir aber nach wenigen Tagen auf dem Rückweg abermals in ihre Nähe kamen, flogen Pfeile auf den Weg. Da ihre Versuche, unseren Trägern etwas vom Gepäck abzujagen, schließlich in offene Räu­berei ausartete, mußten wir im Interesse der Sicher­heit der Kolonne Feuer geben. Sie suchten kurz darauf im Bette eines Gießbachs, wo das Klettern von Block zu Block das Zusammenhalten der Ko­lonne unmöglich machte und das Brausen des Was­sers jeden Ruf erstickte, aus dem Hinterhalt ihre Verluste zu rächen. Unsere Verwundeten erholten sich aber bald, da die Pfeile, so häßliche Wunden ihre widerhakigen Bambusspitzen auch rissen, nicht vergiftet waren.

Mehr als diese Notizen zur ersten Orientierung über die Eingeborenen, die uns auf diesem fernsten unserer Märsche im Nordbereich des 141. Längen­kreises begegneten, kann ich nicht bringen.

Wo und wann im Bereich der großen Inland­ebene Nord-Neuguineas kolonisatorische Interessen oder gar Interessen-Streitigkeiten über das Mein und Dein im Grenzgebiet erwachsen könnten, die Frage verstummt im Anblick dieser entlegenen Wald­wildnis und ihrer Übermacht über Menschenwerk.

II. Der Sepik (Kaiserin-Augusta-Strom).

Ein völlig anderes Bild zeigt sich uns aber da, wo die Natur, dem Menschen zu Hilfe kommend, in das Urwalddickicht aus weithin offenem Him­mel für Luft und Licht selbst Zugang geschaffen, die denkbar beste Straße für den Verkehr gebahnt und fruchtbaren Boden an ihre Ränder gelegt hat. Der Sepik 1 ) ist es, der in vorwiegend west-östlicher

J ) Diesen Eingeborenen-Namen des Stromes an der Mündung ziehe ich der BezeichnungKaiserin-Augusta-Fluß" aus drei Gründen vor: 1. weil ich es für berechtigt halte, aus einer Anzahl eingeborener Bezeichnungen, die in den verschiedenen Stromstrecken zur Wahl stehen mögen (43., S. 25), einen kurzen, klar lautenden, den Strom in seiner größten Mächtigkeit beim Eintritt ins Meer bezeichnenden Namen herauszugreifen und zum geographischen Begriff des Gesamt­stromes zu erheben, wie es in diesem Fall bereits vor Jahren

Richtung mit ungefähr der Stromlänge der Elbe das Waldland von Neuguinea so segensreich auf­schließt. Die Geschichte der Erforschung des Stromes ist vor kurzem (43.) ausführlich dargestellt worden, so daß wir hier gleich in medias res gehen können.

Landschaftlich und zum Teil auch kulturell läßt der Strom vier Strecken deutlich unterscheiden.

im Großen Deutschen Kolonialatlas geschehen ist. Dazu kommt 2. die Zweckmäßigkeit eines Wortes, das brauchbare Zusammen­setzungen wie Sepik-Ufer, Sepik-Anwohner, Sepik-Fische usw. zu­läßt und damit kurzer Verständigung besser als die drei­geteilte, viermal längere deutsche Bezeichnung dient. 3. Endlich ziehe ich, wo die Wahl sich bietet, einen Namen, der mir, und sei es nur mit dem einheimischen Klang seiner Laute, etwas Boden- wüchsiges gibt, einem wenn auch noch so edlen Willkürnamen vor, der gänzlich landfremde Gedankenverbindungen weckt.