Druckschrift 
Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
Entstehung
Seite
69
Einzelbild herunterladen
 

6q

Wie und wie weit die durchfahrene Strecke des Sepik-Oberlaufs tektonisch präformiert, wie weit sie ein Werk der Erosion ist, darüber kann ich mit keiner Beobachtung- Aufschluß geben. Nur das steht fest, daß die Erosion noch in vollem Gang ist, nach der Tiefe sowohl als nach der Seite, wie die tiefen Strudel an den Strom Wendungen, die Unterwühlun­gen und Abstürze längs der gestreckten Uferhänge beweisen.

2. Eingeborene.

Von Eingeborenen sahen wir in dieser obersten Stromstrecke nur Spuren: Hundefährten im Ufer­schlamm und Rauch, der weitab vom Ufer aus dem Wald der angrenzenden Höhen stieg. Der Fluß, bis in die Gegend etwa der 47. Siedelung eine von Papua-Einbäumen gelegentlich befahrene, wenn auch fast menschenleere Verkehrsstraße, ist hier oben das größte Verkehrshindernis. Wir sahen über­rascht, mit welcher Meisterschaft im Primitivbau die Eingeborenen es überwunden haben: 400 m unterhalb der Einmündung des Brückenflusses sahen wir die erste Brücke und in der Nähe des Wassernotbiwaks, rund 1 km stromab- und 2% km stromaufwärts von ihm, noch zwei in gleich elegan­ter Kurve rund 40 m über den Fluß sich spannen.

Die Brücken stellen im wesentlichen Hängewerke dar (siehe Taf. IX. und XXX.). Zwei starke Hängegurte tragen von oben die Brückenbahn, mit der sie durch Zugstäbe verbunden sind. An jedem Ufer gibt der Brücke ein Landjoch Halt.

Das Landjoch besteht aus V- oder X-förmig gestellten, fest in den Boden getriebenen Stütz­stangen; ihnen sind oben jederseits ein Hängegurt, unten die Brückenbahn angeschnürt. Quer- und Diagonalverstrebungen verbinden die Stützstangen, die sich ununterbrochen in die Reihe der Zugstäbe fortsetzen. Zwei wurzelfeste Bäume stehen pfeiler­artig an den Seiten. Ein Querbaum drückt die Wurzel der Brückenbahn an den Boden als an ihr Widerlager. Ein stark flußabwärts überhängender Uferbaum wirkt wie eine Sprengwerkstrebe, indem er schräg von unten vorgreifend die Brückenbahn stützt.

Als ganzes genommen wirkt das Landjoch in doppeltem Sinne Halt gebend: einmal, indem es das Gewicht der Verkehrslast, solange es im Landjoch­bereich selbst zu tragen ist, von der Brückenbahn direkt auf die unteren Teile der Stützstangen und von da auf den Erdboden überträgt. Sobald die Last über das Joch hinaus auf die freischwebende Brücke gelangt, werden Zugkräfte mobil, die auf die Hängegurte wirken und durch sie auf die oberen

Verschnürungen der Stützstangen des Landjochs sich übertragen.

Die freischwebenden Brückenteile bestehen aus starkem Rotäng, der zur Bildung der Brückenbahn in mehrfache Parallelzüge gestreckt worden ist.

Etwa 3 m über den Hängegurten zieht bei einer der Brücken, ihr parallel, eine starke Rotang-Leine frei durch die Luft; ihre Bedeutung blieb mir dunkel.

Keiner der Brückenbauer ließ sich blicken, als wir flußaufwärts zogen. Auf dem Rückweg aber wehrte eine kleine Rotte im Angriff mit Pfeil und Bogen den Malayen der vor uns zurückkehrenden holländischen Abteilung die Landung. Zwei der An­greifer fielen und blieben, nicht weiter beachtet, am Ufer liegen. Als ich kurz darauf die Stelle passierte, fielen mir die kleinen Ausmaße der zu völliger Un­kenntlichkeit verwesten, von Maden wimmelnden Leichenreste auf. Was noch beisammen lag, sam­melte ich zwecks näherer Untersuchung ein und be­fragte die Malayen nach dem Aussehen ihrer Geg­ner: die Angaben lauteten übereinstimmend, daß es erwachsene, aber auffallend kleine Männer gewesen seien. Die Untersuchung der Skeletteile bestätigte die Richtigkeit dieses unbefangenen Eindrucks und läßt uns vermutlich mit demselben Recht, wie die kleinwüchsigen Stämme des zentralafrikanischen Waldes, so auch diese Urwaldmenschen Inner­Neuguineas als

Pygmäen

bezeichnen.

Die im Folgenden gegebenen Maße der rechten Körperhälfte wurden am montierten Skelett ge­nommen. Die Zwischenwirbelscheiben waren nach den vom Menschen unserer Rasse bekannten Nor­men (9.) ergänzt und in gleicher Anlehnung die natürlichen Krümmungen der Wirbelsäule herge­stellt worden (3-)- 1 ) Der Lendenteil hat nur 4 Wirbel; in ihrer Form und Größe sowohl als im Ineinander­greifen ihrer Gelenkflächen lassen sie auf keine Lücke durch Verlust schließen. Eine entsprechende Vermehrung der Kreuzbeinelemente liegt nicht vor. Für die fehlenden Halswirbel 3 bis 6 ist ein ent­sprechender Raum ausgespart worden. Der Zahn-

! )-Den Herren Kollegen E. Göppert und O. Veit vom Anatomischen Institut zu Marburg sei für die hierauf ver­wandte Sorgfalt nochmals aufrichtig gedankt.

Ich gedenke hier zugleich in tiefer Verehrung meines Lehrers Emil Schmidt, der, schon mit dem Leiden ringend, das ihn dahinraffte, in selbstloser Hingebung, Maßstab und Zirkel am Körper des Menschen mich führen gelehrt hat.

Damals wie jetzt wurden die Messungen mit den In­strumenten von R. Martin ausgeführt, dessen Interesse an meinen anthropologischen Studien ich mich hier gleichfalls dankbar erinnere.