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länge rund 53 m Höhenunterschied, auf 100 m einem Gefälle von 1 : 0,013 entsprechend. Aber dieser Mittelwert des Gefälles soll nur zum rohen Vergleich mit dem in der unteren Stromstreckc dienen und bedarf der Auflösung: Er ist nur auf der Strecke zwischen dem XVIII. und XXIII. Ankerplatz verwirklicht. Unterhalb dieser Strecke ist das Gefälle geringer; oberhalb aber, also auf den obersten 40 km unserer zweiten Stromstrecke steigt es auf 0,05 m an.
Die steilere, schmalere und enger gewundene Bahn stellt der Trift entwurzelter Bäume häufig Hindernisse in den Weg. An scharfen Stromwendungen oder Gabelungen türmen sich die Stämme nicht selten zu mehrfach-mannshohen wilden Barrikaden auf. Das Gebiet der Stromschnellen beginnt dicht oberhalb des Hauptbiwaks. Uberblicken wir im ganzen die zweite Stromstrecke, die also vom 29. Dorf hinauf bis in die Gegend des XXV. Ankerplatzes reicht, so ergibt sich folgendes:
Der alten Regel gemäß lagert der Strom seine Sinkstoffe, Schlamme und Sande langsam gleitend an den Konvexitäten der Ufer ab, während er, an den Konkavitäten anprallend, das Ufer in 2 bis 4 m hohen Steilwänden losbricht.
1. Die Gleitufer
wachsen also, der älteren Uferlinie sich anschmiegend, mit sichelförmiger Rundung in das Strombett vor, je nachdem wir uns weiter stromaufwärts bewegen, als Schlamm-, Sand-, Kies- oder Geröllbänke. An einem und demselben Ort wechselt häufig der Charakter der Anlandung, der wechselnden Wasserführung der Jahreszeiten und lokalen Unterschieden der Stromgeschwindigkeit entsprechend.
So setzt sich die Bank, hinter der wir unser Standlager errichteten, aus sehr verschiedenen Materialien zusammen: Ein feiner Sand, der den größten Teil der Fläche deckt, besteht (17.) hauptsächlich aus Ouarzkörnern und aus Fetzen vulkanischen Glases, das im allgemeinen wenig durchsichtig ist. Dunkles, in auffallendem Licht stark reflektierendes Erz tritt dagegen bedeutend zurück, noch mehr verschwinden Karbonate und zwillingsgestreifte Pla- gioklase, und nur vereinzelt sind monokline und rhombische Augite, Zirkone, Turmaline und Rutile zu beobachten.
Den Schlamm der Gleitufer pflügen kleinfinger- große Muscheln, Unio anodontaeformis, die von den Anwohnern, wie Küchenabfallhaufen zeigen, in Mengen verzehrt werden. Den gleichen Aufenthalt liebt eine Schildkröte, die Emydura macquariae. Die Panzer des Palaemon carcinus bleichen auf den Uferbänken. In den Tümpeln des träge durch ver
sumpften Wald schleichenden Oktoberflüßchens tummeln sich Massen von Wasserwanzen, Micro- necta - Larven und Wasserläufer, Larven von Gerridcn, spielen auf der Fläche. Von Vögeln gehört vor allem ein Reiher, Herodias timoriensis, als Charaktertier in das Uferbild des mittleren Sepik.
Die Kiese und faustgroßen Gerölle der Uferbänke zeigten uns bald, daß die Höhen, denen wir zustrebten, sich aus wesentlich anderen Materialien aufbauen als die im Nordbereich durchwanderten Gebirge: Kristalline Gesteine herrschen vor, und Mengen meist völlig rund oder zu Halbmond- bis Huf-Formen abgerollter Ammoniten zeugen von Sedimenten, deren Alter uns später beschäftigen wird.
Wir haben diese Uferbänke sehr schätzen gelernt. Weiße und Schwarze feierten es als Ereignis, als wir zum ersten Male, statt einen Lagerplatz im Morast des Waldes uns schlagen zu müssen, auf lichter, trockener Fläche nächtigten. Im seichten Wasser der Ufernähe sind Krokodile nicht zu fürchten. Mit einer Durchschnittstemperatur von 22 0 C gab das Bad allabendlich Erfrischung. Dem Sammler bieten die durchfeuchteten Stellen der Uferbänke willkommene Gelegenheit zum Schmetterlingsfang. Nur an einer einzigen Stelle, da wo der Sand unter dem Boden einer Pfahlhütte dauernd vor Regen geschützt war, fanden sich, hier aber Grube an Grube, Ameisenlöwen auf der Lauer.
Hinter der langsam ansteigenden nackten Uferzone, die wir Mitte November vielfach schon weithin vom anschwellenden Strom unter Wasser gesetzt sahen, erhebt sich nun eine Vegetation, die wir kurz den Jungwald nennen w r ollen. Er weist folgende gemeinsame Züge auf: Die Bäume sind sämtlich jung, also niedrig und dünnstämmig, und häufig beherrschen nur einige wenige Baumarten die gleichmäßig verlaufende Wipfellinie, so daß man den Eindruck eines gepflegten Forstes hat.
Die Bäume einer und derselben Uferbankzone sind in der Tat als ungefähr gleichalterig anzusehen. Ein rhythmisches Wachstum der Uferbänke spricht sich oft deutlich in scharf voneinander abgesetzten Baum- oder Buschzonen aus: eine jüngste hält die Ufernähe; dahinter, ihr parallel, erhebt sich ein mittelhoher Saum; am weitesten flußwegwärts überragt sie beide eine höchste, älteste Generation; hinter allen dreien endlich baut sich dann (meist zu weit entfernt, als daß man ihn geschlossen verfolgen könnte) der Altwald auf, den wir später kennen lernen werden.
Eine nähere Betrachtung des Jungwaldes zeigt, daß bei aller Gleichförmigkeit im Gesamtanblick der Baumbestand im einzelnen doch mannigfach zu-