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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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raten, vor allem von Schilden, auf die sie, zum Tausch einladend, wie Marktbudenbesitzer wiesen.

Vertraut gemacht, umschwärmten sie uns oft mit kleinen Flottillen ihrer Kanus und hielten sich mit ihren Rudern längsseits unserer fahrenden Boote, bis der Tauschhandel abgeschlossen war.

Die Kanus sind im ganzen Stromgebiet im wesentlichen einheitlich gebaut, so daß es vorerst gleichgültig ist, bei welchem Dorfe wir sie näher betrachten. Es sind (wir nehmen die von Tscheß- bandai als Typus, siehe Fig. 12. Einbäume von durchschnittlich 8 m Länge und % m Boden­breite zwischen den ebenso hohen, schwach ein­wärts gekrümmten, plankenlosen Bordwänden. Die Spitze des vollen, ausschießenden Bugs ist als Kro­ki idilk<>pf geschnitzt. Am Hinterende erniedrigen sich die Bordwände, schräg abgestutzt, zum Kanu­boden, der hier seinerseits flach ansteigt. Dieses Fehlen eines Hinterverschlusses wird ver­ständlich, wenn man die Män­ner ihre Boote besteigen sieht: Sie springen in das seichte

Wasser und legen das Kanu längsseits dicht an das Ufer; dann knieen sie in das flache, offene Hinter­ende und steigen ein, indem sie ein Ruder zur Wahrung des Gleichgewichts in den Uferboden stemmen. Der Verschluß des Einsteige-Endes wird häufig durch einen vorgewälzten Lehmklumpen her­gestellt.

Die Männer rudern stehend (siehe Taf. XXVIII.), den einen Fuß häufig auf die Bordwand gestellt. Die schweren, dreimeterlangen Riemen (siehe Taf. XLIV., c) sind am oberen Ende häufig mit dicken, schwarzen Federbäuschen in Pyramiden­gestalt mit weiß beschopfter Spitze geschmückt; ihr schlankes Blatt läuft in zwei Spitzen aus, zwischen denen der sichelförmig eingezogene Rand beim Halt­suchen an Uferbäumen gegen Abgleiten schützt.

Die Weiber rudern, in Kniebeuge auf den Fersen sitzend, mit kurzen, ungeschmückten, blatt­förmig auslaufenden Riemen.

Die Riemen, die dem leichten Kanu mühelos gute Fahrt geben, dienen nebenbei, ruhig einge­taucht, zum Steuern und zur Herstellung- des Gleich­gewichts, das bei diesen schmalen Fahrzeugen ohne Tiefgang äußerst labil ist. Aber wenn auch der Schwerpunkt bei stehender Besatzung noch so un­günstig verlegt wird, sie wissen die lebendige Last gut auszubalancieren, selbst bei eiliger Flucht, wie wir einmal sahen, als wir oberhalb des 29. Dorfes auf der Talfahrt einen Festzug von 21 Kanus, mit rund 200 Menschen bepackt, die Vorder­enden mit dem Bootsschild (siehe Taf. XLV., i)

Mitteilungen a. d. D. Schutzgebieten, Ergänzungslieft ii.

mehr geschmückt als bewehrt, die Männer im Kriegsschmuck, uns selbst unerwartet aufscheuch­ten. Wir waren eben im Begriff, Vorbereitungen zu treffen, um uns, wenn nötig', unserer Haut zu wehren, als auch schon der Abstand zwischen uns über Bogenschußweite wuchs, und nach kaum 5 Mi­nuten waren sie, von der Dämmerung vor neugieri­ger Verfolgung geschützt, in einem fernen Seiten­arm verschwunden.

Friedlicher wiederholte sich im Lmterlauf, wenn wir in der Nähe eines Dorfes ankerten, das Bild des sinkenden Tages, wenn der Tauschhandel gut gegangen war und erst mit dem letzten Abend­schein die Silhouetten der Boote und Männer im Uferdunkel verschwanden.

An den lockenden Kulturen vorbei, die den Unterlauf des Sepik begleiten, fuhren wir ohne Anf-

Fig. 12. Einbaum von Tscheßbandai.

1 / c7 natürlicher Größe.

enthalt allmählich in eine zweite, anders geartete Stromstrecke ein. Wir charakterisieren sie kurz als

B. Die Mäanderstrecke des scharfen Gegen­satzes wechselseitiger Abtragung und An- ladung in weichgründigem Bett.

Die Grenze dieser zweiten gegen die erste Stromstrecke ist am sinnfälligsten durch einen Wechsel im Gesamtbild der Ufervegetation bezeich­net. Im unteren Stromlauf ist junger und alter Wald stellenweise zwar zu unterscheiden, aber der Gegen­satz ist räumlich verwaschen: Jungbusch tritt so­wohl an den Konvexitäten der Uferlinie (hier am ehesten noch in geschlossenen Beständen als Llfer- wald) als an deren Konkavitäten auf (hier meist als regellose Einstreuung in das Gehölz der Sumpfgras­flächen). Ferner sehen wir an beiderlei Ufer­strecken Schilf aufschießen als Erben des Waldes, den der Strom zum Absterben gebracht hat, auch ohne ihm unter den Wurzeln den Boden wegge­räumt zu haben.

In der Gegend des 29. Dorfes vollzieht sich ein Wechsel in diesem Verhältnis von Strom und Ufer­vegetation. Gleichzeitig werden von hier ab auf­wärts die Mäander kleiner und zahlreicher: dieselbe Kilometerzahl, die der Strom in der ersten Strecke mit zwei Schlingen durchläuft, durchläuft er in du zweiten Strecke mit dreien.

Auch das Gefälle wächst. Rechnen wir die zweite Stromstrecke vom Dorfe 29 bis /.tun XXV. Ankerplatz, so kommen auf 410 km Lauf-