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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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daher im Uferbereich der unteren Stromstrecke nur auf erhöhtem Standort, dann aber steigt er von den Hügeln in ungeschwächter Üppigkeit bis dicht an den Wasserspiegel herunter. In den weiten Flächen ohne Wurzelschutz jedoch ist der Wald vom Ufer meist weit abgedrängt. In flach gewölbten Halb­bogen umzirkelt er den Strom in wechselndem Ab­stand oft mehrerer Kilometer und tritt nur mit den schmalen Bogenenden bis hart an das Wasser. Es erfordert stundenlang unausgesetzte Aufmerksam­keit, vom fahrenden Schiff aus durch alle Stromwin­dungen und Kulissenverschiebungen der Uferland­schaften hindurch den Verlauf der bald fernen, bald nahen W 7 aldsäume zu verfolgen.

Die zweckmäßigste Methode, ein umfassendes Bild der großen Tieflandebene des Sepik und seiner Gebirgsränder zu gewinnen, wäre eine systematische Topographie aus dem Fesselballon von fest be­stimmten Punkten der Ebene. Alles erforderliche Material würde ein Dampfer selbst von 2 m Tief­gang ohne jede Schwierigkeit zum mindesten 600 km weit den Strom hinaufbefördern können. Ein Blick aus der Höhe würde uns auch über den Verlauf ver­ödeter Flußschlingen und die Verteilung seenartiger Altwässer, die für die heutige Verteilung des Waldes in der Ebene sicherlich mitentscheidend sind, und über die Besiedelung der Fläche die erste Aufklärung geben, um dem unten wandernden For­scher den Weg weisen zu helfen.

Wir glitten in schneller Fahrt an den Ufern vorbei. In etwa 350 km Lauflängen-Entfernung von der Mündung fangen die Grasfluren beiderseits des Stromes an allmählich zu schwinden, und der Wald tritt breit an die Ufer. Wo kleine Erhebungen ihren Wurzeln Schutz vor dem Überschwemmungs­wasser geben, treten die ersten Baumfarne (siehe Sepik-Karte I. unten, nördlich des VI. Anker­platzes) unmittelbar an die Ufer. In den von der Hochflut zerstörten Uferwaldpartien wuchert sich Rotang hoch; einzelne Caryota-Palmen und hohe Bambusen lugen über das Schilf. Der Wald, oft zwar noch parkartig licht, ist doch dichter als in den unteren Stromstrecken. Von seinem Reichtum an Früchten zeugen vielhundcrtköpfige Schwärme von Flughunden.

Brotfruchtbäume (Artocarpus), die schon in den Waldstreifen der weiten Grasauen zu sehen waren, treten schon von der Gegend des 21. Dorfes ab (siehe Sepik-Karte I. oben, bei Ankerplatz III) in Menge, zuweilen in alles andere überwiegenden Beständen auf.

Für die Besiedelung des unteren Sepik-Gebiets ist die Sagopalme von größter Wichtigkeit. Wäh­rend sie uns im Waldinneren des Nordbereichs nur

in kleinen Gruppen begegnete, sprießt sie im offenen Sonnenlicht, der Sepik-Niederung in dichten Be­ständen aus dem Sumpfland der letzten 90 km des Stromlaufs. Die kraftvoll schräg aufwärts streben­den, nur an den Enden wie widerwillig schwach ab­wärts gekrümmten Riesenwedel schließen sich mit steif aufwärts gerichteten, im Winde zuweilen blin­kend zitternden Fiedern zu schlanken, im Alter breiter ausladenden Kelchen zusammen. Sie geben, bald unmittelbar an das Ufer herantretend, bald hinter einer matt-graugrünen Schilfmauer halb ver­steckt, der Uferlandschaft des Mündungslaufs das Gepräge. Weiter hinauf drängt das Grasland die Sagopalme vom Wasser ab; man sieht sie dann nur fern den Waldrand säumen.

Die Sagopalmen bilden für die Papua des un­teren Stromgebietes reiche Vorratskammern. Dazu kommt die Wohltat ergiebiger Luftbewegung, die es der Kokospalme gestattet, gegen 890 km weit stromaufwärts den Menschen zu begleiten. Von der Kentia unterscheidet sich die Kokospalme schon von weitem dadurch, daß ihre Wedel weniger starr sind; sie biegen sich sanft, besonders die jüngeren, aufrecht stehenden, in schöner Kurve nach unten, und die Fiedern hängen nicht schlaff zusammen­gefallen wie bei jener herab, sondern lassen in mäßiger Spreizung ihre schöne Doppelreihe sehen. Kokoshaine sind weithin das untrüglichste Zeichen von Menschennähe; sie machen die Flußanwohner im Gegensatz zum Halbnomaden der unaufge­schlossenen Gebirgswälder fest-bodenständig und gestatten ihnen, ihre Gemeinschaften zur Kopfzahl mehrerer Hundert anwachsen zu lassen.

3. Die Siedelungen

nach Hütten- und Kopfzahl, Bauart und Bewohner näher zu beschreiben, ist um so weniger Aufgabe des Passanten, als zu den jüngst bekannt geworde­nen grundlegenden Beobachtungen der Peiho-Reise (43.) demnächst die Schilderungen der glücklich heimgekehrten Stolle'schen Expedition kommen werden. So sei, was wir beobachten und sammeln konnten, jetzt ohne vergleichende Erörterungen ein­fach als Material zu der uns bald geschenkten, um­fassenden Darstellung beigesteuert.

Wo unter unseren schwarzen Trägern sich einer fand, der zu dem gerade gesichteten Dorf des un­teren Sepik Beziehungen hatte, wurde der Name er­mittelt. Es ist genügend bekannt, daß solche Namen sich nicht immer mit denen decken, die die Ortsansässigen selbst ihrem Dorfe geben. In die Karte sind zur Ergänzung aus verschiedenen Quellen (1., 47., 56., 57.) vermutlich synonyme Namen, für die ich keine Gewähr übernehme, in