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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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XXIII., 2) wird der Bogen, senkrecht gehalten, von beiden Armen fast gleichzeitig in Spannung ge­bracht. Der linke Arm stemmt in gerader Streckung den Bügel vom Körper ab, der rechte zieht in starker Beugung mit erhobener Schulter die Sehne zurück, so daß im Moment des Pfeil-Abschnellens die Hand in Wangenhöhe steht und damit das Ge­schoß dem Auge in Visiernähe rückt. Die linke Hand bietet mit dem Daumenballen dem fest sich gegenlehnenden Bügel genügend Halt, um die Finger zur Lagesicherung des Pfeils in der Ziel­richtung frei zu geben. Der Zeigefinger wird bald auf den Pfeil, bald, stärker gekrümmt, über den Pfeil gelegt; zuweilen gibt der Daumen von innen und der Mittelfinger von unten her dem Pfeil noch sorgfältigeren Halt. Im allgemeinen aber genügen der Zeigefinger von der einen, die linke Bügelkante von der andern Seite, die Lage des Pfeils zu sichern. Diese Beschränkung wird zur Notwendigkeit, wenn die Hand, da Köcher fehlen, zugleich mit dem Bügel ein ganzes Pfeilbündel zu greifen hat.

Daumen und Zeigefinger der rechten Hand drücken das Pfeilende gegen die Sehne, die weiter rückwärts zwischen ihnen hindurchgeht. Der Mittelfinger hauptsächlich, zuweilen zu seiner Unterstützung auch der vierte Finger, hat die Auf­gabe, auf die Sehne, um die er sich hakt, die Zug­kraft des Armes zu übertragen, während die beiden letzten Finger, meist weniger stark gebeugt, die Sehne nur wie Reservespanner bald mehr bald weniger umgreifen.

Einen Anschlag im Sinne schußfertiger Ruhe­lage habe ich nicht gesehen, Spannen und Abziehen folgt sich im Augenblick; dann erstrafft auch die ganze übrige Muskulatur: der Nacken steift sich, der Bauch wird eingezogen, die großen Schenkel­strecker treten vor und die Zehen krallen sich am Boden fest.

In der Waffenführung gleichen die Bewohner des Hinterlandes ganz denen der Sko-Küste. Sie unterscheiden sich aber von ihnen in zwei Punkten der Trac h t. Nie sah ich an der Küste Rasur des Kopfes; im Gegenteil gilt möglichst starkes, durch Kämme noch künstlich aufgeplustertes Haar, das nur hier und da über der Stirn ein wenig entfernt wird, als Zierde des Mannes. Der Scheitelschopf auf kahlem Schädel kommt, je weiter wir landeinwärts gehen, desto mehr in Mode.

Nie sah ich ferner bei den Männern der Sko- Dörfer als Penishüllen andere als die kleinen, dünn­schaligen, zierlich-leichten, zum Schamberg auf­strebenden Kapseln in Birnform. Wo immer in den Hütten des Binnenlandes eine Penishüllc zu finden oder vom Träger an Ort und Stelle zu erwerben

war, in Njau, Krissi, Zoutbron und am Wiederkehr- Fluß, überall waren es (siehe Taf. XLL, a, b, c) die großen, dickschaligen, schweren, plump herab­hängenden Eierformen. Hier liegen also örtlich ab­gegrenzte Trachten vor, die sich nur vermischen, wenn das Schicksal Binnenländer zur Küste ver­schlägt, wo sie neben dem dort gültigen Birnen­kürbis bald auch europäische Lappen benutzen werden.

b) K r i s s i.

Auch für die Männer von Krissi (einer Siede- lung von fünf Hütten auf einer nördlichen Randhöhe des Bewani-Gebirges), die sich den Holländern stellten (58. S. 89), gilt hinsichtlich Haartracht und Peniskapsel-Modell das eben Gesagte. Es scheint, daß die Eingeborenen des weiten Gebiets, das sich vom Küstenbergland südwärts über das Bewani- Gebirge zur Inlandebene erstreckt, in ihrer mate­riellen Kultur eine im großen und ganzen einheit­liche Gruppe bilden. Freilich ein Vorstoß, wie wir ihn mit spärlichen Rasttagen in selbstgeschlagencn Waldpfaden, nur hier und da auf fluchtartig ver­lassene Siedelungen stoßend, in scheuer oder feind­licher Berührung mit den Eingeborenen zu unter­nehmen hatten, könnte allein kein hinreichendes Material zur Abgrenzung von Kulturprovinzen liefern. So sind die folgenden Mitteilungen über Geräte nur Stichproben, bei denen für jedes Stück der Fundort ausdrücklich angegeben sei.

Zunderkugeln (siehe Taf. XXXVI., a), wie sie ein Mann von Zoutbron bei sich führte, fanden sich in Krissi-Hütten wieder. Es sind apfcl- bis kinds- kopf-große Gitterkugeln aus grobem Rotang-Ge- flecht, dessen Inneres mit leicht entzündbarem, zerzupftem Fasermaterial gefüllt ist.

Die Krissi-Leutc bedienen sich einer Räucher- vorrichtung (siehe Fig. 8), ähnlich der, die von Nacheibe, einem Dorf der Küste zwischen Tana- merah- und Humboldt-Bai, beschrieben (48. Taf. I. 15) worden ist. Zwei Baumrinden-Streifen sind zu einem rund 40 cm hohen Zylinder von etwas kleinc­rem Durchmesser zusammengenäht; den Boden bil­det ein Rost aus rechtwinkelig sich kreuzenden Stabreihen, die, über die Zylinderflächc hinaus­ragend, an vier Stellen an einen Rundreifen ge­knüpft sind. Ein Basthenkel, am Versteifungsring der oberen Zylinderöffnung befestigt, hält das Räuchergefäß schwebend über dem Herdfeuer.

An einen Fund in Mossu schließt sich die Hand-_ trommel (T: atfj, M: kohgän) von Krissi an. Ein ausgehöhltes Stück Baumstamm von % m Länge, roh in Sanduhrform geschnitzt, mit rohem Längs­griff in der oberen Hälfte, mit Waran-Haut (in Mossu mit Bauchhaut vom Schwein) bespannt.