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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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sich die Sko-Bewohner bei ihrem Handel mit den Nachbarn bedienen, an die eben genannten von Tumleo sich anschließen, ließe sich nur bei sprach­licher Verständigung ermitteln.

Was wir von nachbarlichem Verkehr be­obachten konnten, trug weniger den Charakter von Handelsreisen als den von Festbesuchen. Die Fahrten der Sae-Leute gingen nach Wutong, und die Wutong erschienen in Sae zum Schweine­schmaus und Tanz. Die Weiber waren auch hier bei unserm Kommen verschwunden, und die Gruppe der tanzenden Männer löste sich zu bald auf, als daß den eben noch geglückten photographischen Aufnahmen (siehe Taf. XX. und XXL) nähere Er­klärungen hinzugefügt werden könnten. Das Bild zeigt den reichen Schmuck von Rücken und Ober­annen mit Zierlaub und die Haltung der Männer im Ringeltanz: Jeder schlingt seine Arme derart um die beiden Nachbarn, daß er im deren Sitzmuskeln von hinten und außen her mit den Fingern Halt findet, während sich über dem eigenen Gesäß oder etwas oberhalb der linke Arm des rechten und der rechte Ann des linken Nachbarn kreuzen. Ist der Tanz leb­haft, dann geraten die Umschlingungen hier und da in Unordnung, werden aber schnell wieder ordnungs­gemäß hergestellt. So drehen sie sich gegen die Richtung des Uhrzeigers ruckweise zum Takt eines einförmigen Gesanges.

Wie mit den Wutong so halten die Bewohner der Sko-Landschaft auch mit denen der Humboldt- Bai (Tobadi, 4. S. 309, 311) gute Nachbarschaft.

Ihr Fahrzeug scheint, nach den Booten zu urteilen, die abgetakelt am Strande vor ihren Dörfern lagen, nach Bauart und Takelung dem der Wutong zu gleichen.

In den Monaten Mai, Juni bis Oktober bei ruhiger See und mäßigem Wind spielt sich der Hauptverkehr der Küstenbevölkerung ab. Da sahen wir zu Zeiten kleine Flottillen von 10 bis 15 Booten vor der Tami-Mündung kreuzen; lautlos kamen sie kurz nacheinander um das Vorgebirge des hohen Riffs, auf dem unser Lager stand, gesegelt, haar­scharf die schwarzen Gestalten gegen den blenden­den Wasserspiegel abgezeichnet, zwischen Haufen von Bananen, Betelnüssen, Süßkartoffeln und jungen Kokospflänzlingen hockend, ihren Gegengaben als Bei­steuer zu den Gastfreuden, die ihrer am Lande warteten.

Da der Verkehr sich innerhalb der Grenzen naher Nachbarschaft hält, wo die Daseinsbedin­gungen im allgemeinen die gleichen sind, so würde es nicht schwer fallen, im einzelnen zu zeigen,' wie Lebenslauf und Wirtschaft der Eingeborenen aus der umgebenden Natur selbst autochthon heraus­gewachsen erscheinen; und doch mahnt uns ein

kritischer Vergleich, der über unsere Küste hinaus die gesamte Inselwelt des Stillen Ozeans heranzieht, zur Vorsicht. Die auffallenden Anklänge im Äuße­ren der dunkelfarbigen, kraushaarigen Bewohner Melanesiens mit den Negern und negerähnlichen Rassen halten bekanntlich die Forschung auf der weitführenden Fährtc südasiatisch-australisch-afri­kanischer Zusammenhänge. Als altes Erbstück dieser nigritischen" Herkunft gilt die Durchbohrung der Nasenscheidewand, der wir auch tief im Innern der Insel überall begegneten.

Schwieriger als die auch für unser Gebiet un­erläßliche Vorarbeit, die Verbreitung möglichst aller Elemente der geistigen und materiellen Kultur geographisch festzulegen, ist der Versuch, nach Analogie erdgeschichtlicher Forschung bestimmte Leitgeräte zur Trennung vorgeschichtlicher Hori­zonte zu finden. Sollte hier der erste schwierige Versuch (16) geglückt sein, dann hätten wir an unserer Küste in Peniskapsel und Knochendolch west-papuanisches, im Schild ein ost-papuanisches Überbleibsel vor uns. Pfeil und Bogen, wie wir ihn später genauer kennen lernen werden, wären die wichtigsten Errungenschaften einer nächstfolgen­den als melanesisch bezeichneten Periode. In noch jüngerer Zeit endlich traf die Sko-Küste eine durchaus anders geartete Kulturwelle; sie kam von See aus, aus den Inselschwärmen Polynesiens und brachte, zu schweigen von uns ferner liegendem, die Schlitztrommel, den Stäbchenkamm und das Einauslegerboot. Mag jetzt auch das Material des Segels mit allem Zierrat dem Wald an Ort und Stelle entstammen, seine viereckige Gestalt weist doch weit westwärts auf eine jüngste Beeinflussung, die aus dem Malayischen Archipel stammt.

Was also der Geograph im lebendigen Volks­bild der Gegenwart einheitlich zusammengeschlossen sieht, verteilt der Ethnologe auf ehedem weit ent­legene Räume, Zeiten und Kulturen.

Während der Küste ein ausgleichender, im Sinne Ozeaniens kosmopolitischer Zug offensicht­lich anhaftet, treten uns im Innern Land und Leute

in ausgeprägterer Eigenart entgegen.

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B. Das Hinterland.

1. Die Gliederung der Landschaften

jenseits des schmalen Küstensaums führt nach Re­lief, Lage und Gesteinszusammensetzung zu vier natürlichen Einheiten. Als erste hat

a) Das Küstcnbcrgland zu gelten. Wir verstehen darunter die nordwärts an die Küste, südwärts in ungefähr 30 km Luft-