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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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y) die Moderregion des Bodens, wie wir sie kurz nennen wollen.

Aus den verwesenden Stümpfen gefallener Bäume schießen nach starkem Regen kleine Hut­pilze verschiedener Gattungen in dichten Kolonien auf. Intensiver Asgeruch führt den, der sucht, auf die ,,Schleierdame", den Fruchtkörper einer Dic- tyophora, der durch ein prächtiges, frei abstehen­des Maschenwerk um den Phallus ausgezeichnet ist.

Von Blütenpflanzen sah ich nur einmal eine jener kleinen rotblühenden Saprophyten aus der Familie der Triuridaceen, die gerade in den unbe­rührten Wäldern Neuguineas im faulenden Laub ein ungestörtes, zugleich so verstecktes Dasein führen, daß es besonderer Aufmerksamkeit und Zeit bedarf, sie ausrindig zu machen.

Im übrigen deckt das tote Laub den Boden auf so weite Flächen, daß grüne Pflanzen nur spärlich aufkommen. Daß trotzdem die Moderregion zum Schauplatz eines reichen Tierlebens wird, ist mit in erster Linie den Früchten zu danken, die aus den beiden oberen Lebensbezirken hier niederfallen; im Laufe einer Stunde sind ihrer allein von den pflau­men- bis apfelgroßen vierzig bis fünfzig verschiedene leicht zu sammeln. Ohne die Blüten ist die Pflanze, der sie angehören, meist nicht zu ermitteln. Nur die großen strohgelben Früchte einer Citrusart, die olivenähnlichen einer Aiangifera, die gelbe des Inocarpus edulis oder die glänzend karminroten Jambosa-Früchte lassen sich erkennen. Aus der Riesenschote einer Mucuna - Art fallen harte, schwarze, talergroße Linsen; einer Zanonia schei­nen die leeren Kürbiskugeln und die weit umher­gestreuten geflügelten Samen anzugehören. Eine faustgroße pflaumenartig geformte, dunkelviolett- rote Frucht, die die Leute von Tumleo laliu, die von Monumbo tararä nennen, war die einzige, die unsere Träger aufschlugen, um den Kern aus der harten Schale zu essen.

Nichts bringt die floristische Buntscheckigkeit des Urwaldes sinnfälliger zum Ausdruck als diese in allen Größen, Farben und Formen umhergestreute Fruchtfülle, an deren Reichhaltigkeit neben Palmen, Apocynaceen, Rutaceen, Anacardiaceen, Myrtaceen, Rubiaceen, Leguminosen, Elaeocarpaceen, Rosaceen, Sapotaceen sicherlich noch viele Gattungen aus anderen Familien, die sich nicht verrieten, wett­eifern.

Sie alle decken dem Wildschwein und dem Kasuar den Tisch, dem einzigen Großwild unserer Insel.

Wo die Wühlspuren der Schweine häufig sind, hält sich gern die große Fächertaube auf, die Goura victoria mit den hell besäumten dreieckigen

Fähnchen an den Federn ihres graublauen Kronen­fächers. Sie ist, wenn sie auch auf den Bäumen schläft und brütet, doch ein Tier des Waldbodens.

Bodentiere im Sinne nicht nur der Ernährung, sondern zugleich der Fortpflanzung sind mit wunder­barem Instinkt die Buschhühner, deren Ruf wir oft auch des Nachts hörten. Aus feiner Humuserde und faulendem Laub scharrt Talegallus jobiensis i m hohe, bis 4 m im Durchmesser haltende Haufen zusammen. Der Papua prüft mit tief ein­gewühltem Arm, ob die Brutstatt noch heiß ist, und fördert, wenn er noch zur rechten Zeit gekommen ist, auffallend große, braune Eier zutage, die diese Megapodiiden von der Wärme der Bodenfäulnis ausbrüten lassen.

Von den bodenbewohnenden Säugetieren, die Neuguinea wie Australien in zahlreichen, sonst nirgends auf der Erde von heute gefundenen uralten Geschlechtern birgt, sahen wir, denen zur Jagd keine Zeit blieb, nur wenige. Ab und zu jagte die Spitze der Kolonne ein katzengroßes mausgraues Känguru, Dorcopsis hageni, auf, oder beim Roden des Nachtlagerplatzes fiel uns die rattenähnliche Brachymelis garagassi in die Hände.

Von den kaltblütigen Bewohnern der Moder­region kreuzten zuweilen Boa-Schlangen unseren Weg, so die mehrere Meter lange Liasis albertisi und der kurze, ziegelrote, schwarzgefleckte Enygrus asper, von Giftottern die Micropechis ikaheka, end­lich ringelnatterähnlkhe Tropidohotüs-Arten. Man­che von ihnen werden der Dendrophis calligaster in die Bäume folgen, so daß man im Zweifel sein kann, ob sie den Bodentieren zuzurechnen sind.

Wohnung und Nahrung im Moder selbst aber finden gewisse Skinke; einen kleinen Tribolonotus novaeguineae, diese merkwürdige, dornenstarrende behelmte Wühlechse fand ich tief im Innern eines morschen Baumstammes.

Denselben Aufenthalt liebt eine große Heu­schreckenart, Dimorphodes varipes, und eine neue \ arietät des Polyrhachis conops, eine Ameise, die ihre großen, schwarzen, bissigen W T eibchen in hellen Scharen gegen die Strömung ihres faulen Friedens mobil machte. Auch der rothaarköpfige Odonto- machus lebt in Baumstümpfen. In das oberflächliche Wurzelwerk lebender Bäume mauert der Micro- cerotermes papuanus, eine neue Termiten-Art mit schwarzen Flugtieren, gelbweißen Soldaten, zart­häutigen Arbeitern und kleiner warziger Königin, sein hartes Kartonnest.

Aber auch wenn wir diese letzten Beziehungen zur lebenden Pflanzenwelt abbrechen und in den zersetzten Humus selbst oder in den Lehm der Niederungen eingehen, finden wir den UrWaldboden