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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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nur gönnten uns hier und da einen Einblick in sie: so, wenn wir Bäume fällten und unversehens das papuanische Flugbeutelhörnchen, Petaurus brevi- ceps, oder der Tüpfelkuskus, Phalanger maculatus, mit dem wollig - dichten, rostbraun und weiß gescheckten Fell aus dem niederbrechenden Geäste floh. Einmal nur holte ein glücklicher Schuß das seltsame Baumkänguru, einen Dendrolagus mat- schiei, aus hoher Baumkrone herunter. Häufiger konnten wir einen Flughund, die Dobsonia magna, in ihren Schlafbäumen überraschen.

ß) Unter den Kronen der Großbäume liegt als zweiter Lebensbezirk des Urwaldes die Region des zerstreuten Lichts im Unterholz.

Der Eindruck tiefen Dunkels, den diese Region aus der Entfernung weckt, schwindet an Ort und Stelle. Das Sonnenlicht wird vom Grün ringsum un­zählige Male bald zurückgeworfen, bald wie durch ein Farbenfilter geschwächt und ausgelesen, so daß es im dichtesten Wald in ungewissem, zuweilen magischem Schimmer, als leuchteten die Blätter selbst, über allem liegt. Rotgelbes Laub am Boden wirft dann das Licht in warmen Tönen am hellen Tag wie Abendschein zurück.

Häufig aber bricht die Sonne selbst durch Kronenlücken wie aus blendenden Spalten in das Unterholz und läßt die getroffenen Blätter wie Spiegel vor dem Hintergrunde der beschatteten Nachbarn gleißen. Die Luft aber, durch die dieses Lichtband flutet, ist nebelig trübe von der Feuch­tigkeit, die allenthalben in ihr schwebt.

In dieser Region stagnierender Luft und Schwüle umfängt uns ein Wirrsal schwacher Stämme, die hier verzweigt, dort unverzweigt, bald steif wie Kerzen gleichgerichtet aufragen, bald schräg einander überqueren. Lianen ziehen sich regellos bald niedrig wie Fußangeln, bald hochver­schlungen zwischen sie hindurch, oft zu zweit oder zu mehreren umeinander gedreht, die jüngere tief in die ältere eingeschnitten, oder einzeln zu Knoten und Schleifen in sich selbst zusammengeschnürt. Andere wieder, armstark am Grunde, steigen 20 m hoch schnurgerade auf, ehe sie die erste Schlinge um ihren Stützbaum legen, von dem sie, selbst nachwachsend, in diese Höhe gehoben zu sein scheinen.

Zwischen diesen Stangen und Tauen breitet sich nun ein Laubwerk aus mit soviel Überschnei­dungen und Durchkreuzungen der dünnen Zweige, soviel Verschiebungen bei jedem Schritt, den man sich vorwärts rodet, daß es unmöglich ist, Baum­individuen zu unterscheiden. Nur der Pandanus weiß seine steifen Blätterbüschel mit den roten Fruchtkolben und die Palmen ihre Wedel oder

Fächer so in das Chaos der Kümmerlinge vorzu­schieben, daß sie als Charakterformen wohltuend auffallen. Aber rings um sie her steht das ver­filzte Dickicht. Selbst wo es sich etwas lichtet und das Auge einmal auf eine Entfernung von 30 m sich einstellen kann, bleibt das Gefühl bestehen, ge­fangen zu sein.

Verglichen mit der Freilichtregion der Wipfel ist die des zerstreuten Lichts im Unterholz arm an Blüten. Daß sie auch im dichten Gestrüpp nicht fehlen, ist im Vorbeigehen oft aus starkem Duft zu schließen, den man wahrnimmt, ohne die Spender zu finden. Am Boden bildet häufig eine bescheidene, weißblühende Rubiacee, die Geophila reniformis, oder in höheren Lagen eine Commelinacee, die Forrestia hispida, kleine Gruppen. Wer Zeit zum Suchen hat, wird gew r auch nicht wenige Schatten- blütler finden. Die einzeln stehenden, leuchtend- orangeroten, über halbmeterlangen Stachelwalzen- Blütenstände eines Tapeinochilus übersieht auch der flüchtige Wanderer nicht.

Stammbürtige Blüten treiben große Feigen­bäume. Kraftvoll stehen ihre Stämme wie die der Heritieren (siehe Taf. XLVIII.) mit dem Unter­bau strahlig abgehender Brettwurzelflügel inmitten des schmächtigen Unterholzes. Aber die Krone dieser Bäume entspricht meist nicht der Größe der Strebcleisten, die mit ihren Ausläufern den Baum in weitem Kreise verankern. Auf dem Erdboden hat der Baum seine Konkurrenten um den Platz in weitem Umkreis aus dem Feld geschlagen, aber oben rücken ihm die Nachbarn von allen Seiten hart an den Leib.

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In diesen Breiten, wo die Wärme-Gegensätze unserer Jahreszeiten fehlen und der Boden nie trocken wird, läuft das Leben der Pflanzen in ihrer Gesamtheit einförmig ab. Zwar sieht man hier und da deutlich herbstlich verfärbtes Laub in das vorherrschende Grün eingestreut; aber daneben zeigen andere Bäume Frühlingstriebe. Das Auge gewöhnt sich bald an dieses zunächst so auffallende räumliche Nebeneinander unserer Idee nach ent­gegengesetzter Jahreszeiten. Mit unserem Frühling hat der im Urwald Neuguineas auch wenig gemein : Da bricht keine strotzende Blattknospe ihre Winterhülle, sondern bleich, matt-rosa angehaucht, unfähig zunächst sich aufzurichten, hängen die jungen Blätter in schlaffen Bündeln herab.

Das Grün des Laubes nehmen mehrere Insekten als Schutzfarbe an: mit täuschend blattähnlicher Aderung der Flügeldecken verbindet es die Sili- quofera grandis, deren Vorderbrustring phan­tastisch zu einem grünen Helm sich aufbaucht. Die Gespenstheuschrecken sind mit einem neuen