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Forschungen im Inneren der Insel Neuguinea : Bericht des Führers über die wissenschaftlichen Ergebnisse der deutschen Grenzexpedition in das westliche Kaiser-Wilhelmsland 1910 / Leonhard Schultze
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die unten im Gehölz vereinzelt nur, wie verloren taumeln, in Schwärmen fliegen; schwirrende Insek­ten aus allen Ordnungen umsurren Baumblüten, die im Äußeren meist unscheinbar und klein sind, in ihrem Bau aber die bunte floristische Zusammen­setzung- der Blumen einer Wiese zeigen: Moraccen, Rubiaceen mit Morinda und Psychotria, Laura- cecn, Rosaceen mit Parinarium, Violaceen, Myrta- ceen, Sapotaceen schließen hier ihre Kronen zu­sammen; Euphorbiaceen und Acanthaceen mit Graptophyllum pictum und dem fleischrot blühen­den Calycacanthus Magnusianus treten mit strauch­artigem Wuchs in die Lücken lichterer Bestände. Und neben den Blüten des Gehölzes selbst spenden Schlingpflanzen, wie die Pachygone pubescens, und epiphytische Orchideen, wie das Dendrobium bracteosum, den saugenden und leckenden Insekten ihren Nektar. Hoch in den Kronen bietet die Myr- mecodia mit weißen Blüten, die nur mit den Spitzen aus fleischigem Gewebe wie aus stachelbewehrten Fenstern sehen, den Ameisen ein Asyl.

In diesem Paradiese der Insekten machen Vögel reiche Beute. Der kleine Segler, dessen Nester die bekannte Delikatesse geben, die Collo- calia esculenta, beherrscht in den Abendstunden im Blitzfluge weithin das Feld über den Wipfeln.

Im Laube selbst, besonders in den Wäldern der Niederungen beleben vor allem Papag'eien die Baumkronen. Es ist, als suchte die Lebensfreude hier oben in grellsten Gefiederfarben Ausdruck: in der rot-schwarz-grün-blau-gelben Buntscheckigkeit der Lorius-Papageien, im Türkisblau der Weichen des grünen Geoffroyus jobien'sis mit dem grün­goldenen Schwanz hinter dem roten Bürzel, oder im reinen Smaragdgrün des Eclectus pectora- lis, des Edelpapageien mit den violett - blauen Handschwingen und der himmelblauen Flügel- säumung, der hochfliegend die Weichen in dem­selben Rot aufleuchten läßt, das Kopf und Hals des komplementär gefärbten Weibchens schmückt.

Zu ihnen gesellen sich der Keilschwanzlori, Trichoglossus intermedius, und der braune, unten an den Flügeln ockergelb gefiederte Chalcopsitta- cus dyvenbrodei, als die häufigsten und kenntlich­sten Papageien des durchwanderten Gebiets, von den Scharen aller derer zu schweigen, die sich kreischend davonmachen, noch ehe der Schütze sie sieht.

In dieser Frei licht- Region der Wip­fel ist gerade das Vogelleben verwirrend reich. Durch die Mannigfaltigkeit in Farbe und Tracht zeichnen sich die Tauben aus: die papageien- buntc Mcgaloprepia poliura mit den grünen Flügeln, gelben Weichen und der kirschroten

Mitteilungen a. d. D. Schutzgebieten, Ergänzungsheft ri.

Brust, der matt-braun-graue Hemicophaps albifrons mit dem Hauch von Altgold auf den Deckfedern des Obeirrlügels und die braune Reinwardtoenas reinwardti, die mit ihrem langen Schwanz einem Fasanen ähnelt, sitzen regungslos in den höchsten Zweigen.

Beweglicher und deshalb leichter im Laub zu entdecken sind zwei Arten von Krähenwürgern, der schwarz und weiß g-escheckte Cracticus cassicus und C. quoyi, ferner der hell-blau-graue Stachel­bürzel, Graucalus caeruleogriseus, und als letzter der häufig zu sehenden krähenähnlichen Wipfel­bewohner der schwarze, grünschillernde Star Mino dumonti, am Gelb der zottigen, kahlen Schläfen weithin kenntlich.

In allen Höhen über den Baumkronen jagen in Scharen schwalbenähnliche Vertreter verschie­dener Familien auf Insekten, am gewandtesten ein zweiter Segler, die Collocalia frueifaga, und mit ihr die Chaetura novaeguineae mit ihren stachel­artig über das Fahnenende ragenden Steuerfeder­schäften. Auch ein Schwalbenwürger, der lerchen­große, graue Artamus leucopygialis liebt die Luftjagd.

Wo das Auge nicht hinreicht, verrät im Wald- ännern die Stimme manchen Bekannten. Kein Tag verging-, an dem wir nicht den Schrei des Papua- Paradiesvogels, der -Paradisea minor, hörten; aber es fällt nicht leicht, dieses gelbleuchtende Cha­raktertier des Urwaldes unserer Insel im dichten Laube zu erspähen. Wie ein Schleier wallen dem reifen Männchen die langen Schmuckfedern im Fluge nach. Weniger prunkhaft ist der Schild- Paradiesvogel, Ptilorhis magnifica, der auf tief­schwarzem Sammet ein Schild aus metallisch schillernden, grünblauen Schuppenfedern trägt. Tn schlichtes, schwarzviolettes Erzglanzgefieder kleidet sich die Manucodia jobiensis. Der Aelurodes bueeoides endlich mit seiner fahlgelben, schwarz gesprenkelten Brust und dem stumpfgrünen Rückengefieder weist nichts mehr von dem glänzen­den Familienschmuck seiner Vettern auf.

Sie alle finden in Früchten und Insekten der Lichtregion ihre Nahrung; daß sie ihre Beute auch aus der Tiefe der Blüten (vielleicht auch Nektar) oder aus Holzverstecken ziehen, läßt der schmale, überlang gebogene Schnabel des Drepanornis bruijni vermuten, eines unscheinbar grauen, an den Schläfen kahlen, amselgroßen Paradiesvogels, der uns seltener begegnete.

Aber was wir auf unseren W alddurchquerungen von der Vogelwelt der Wipfelregion sahen, ist ja nur ein verschwindender Bruchteil der Lebensfülle hier oben; kurze Rasten oder ein glücklicher Zufall

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