Das Lächeln von Babel
AUSZÜGE EINES INTERVIEWS DER FRANZÖSISCHEN ZEITUNG "LIBERATION" MIT UMBERTO ECO ÜBER DEN ZUFALL, DEN KRIMINALROMAN UND DIE NAMEN DER ROSEN
Liberation: Widerspricht der deinem Roman (Der Name der Rose) zugrundeliegende Rahmen eines Kriminalromans nicht deinen frühen Veröffentlichungen zur Theorie des Offenen Kunstwerkes?
Eco: Ich glaube nicht. Es ist eher umgekehrt so, daß ich das geschlossene Modell eines Krimis dazu benutzt habe, um einen Freiraum für möglichst viele andere Konzepte und Bedeutungen zu erhalten; die Kriminalromanhandlung gleicht dem Papier, auf dem sich die tausend Texte des Palimpsestes einschreiben lassen, sie bildet die notwendige Ausgangsbedingung der daraus resultierenden Möglichkeiten. Außerdem löst sich ja am Ende, wie du weißt, selbst dieses äußerst geschlossene Modell im Zufall auf. Liberation: Ist also alles möglich, alles Zufall? Eco: Nein, so ist das sicherlich nicht gemeint. Es ist eher so, daß der Zufall das unersetzliche Pandon zu jeglichem Ordnungsmodell des Menschen, jedem semiologischen Prinzip,
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