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Carmen Nova : Kriminalnovelle / Umberto Eco ; Nachwort von Roland Barthes
Entstehung
Seite
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Mystifikationen des Stils

Mit Nova werden jene durch Kernverschmelzung und Zusammen­bruch des Sterninneren ausgelösten chemischen Reaktionen umris­sen, die einen Stern in kürzester Zeit Energien in für uns nur noch rechnerisch faßbaren Dimensionen abstrahlen lassen. Dabei ent­spricht die durchschnittliche Helligkeitszunahme einer Super-Nova der Strahlungsabgabe unserer Sonne in Millionen von Jahren. Die­ses Verhältnis gilt es für uns im Gedächtnis zu bewahren, wenn wir die hier vorliegende Frühschrift Ecos in Bezug zu den verschiede­nen Momenten setzen, auf denen sie mehr oder weniger fußt. Da­bei handelt es sich nicht nur um den explizit angesprochenen mei­sterhaften meimeeschen Stoff, sondern auch um Form und Tech­nik der Novelle selbst sowie, als anderer großer Ausblick, um das weite Feld der Kriminalliteratur.

Von dem unsteten, anarchischen Wesen Carmens, Zauber und Lied in einem, die von der unterkühlten Technik Merimees erst heraufbeschworen wird und dank ihr die gesamte strukturale Dra­matik widerstreitender Antagonismen und dynamischen Fortgangs durchläuft, zum modernen Kriminalroman Hammets und dessen in Hemmingwayscher Tradition stehendem Realismus des Under­statement, zeichnet sich eine Linie, die in Ecos Giallo bewußt auf­gedeckt und zur Sprache gebracht wird. Die nüchterne Sicht alles Subjektiven, das aus der Handlung exkommuniziert, und in der Stilisierung der Ordnung und ihrer Bewußtseinsmuster in neuer Form verehrt wird, rührt jedoch nicht allein an der merimeeschen Erzähltechnik oder dem im Rahmen der Detektion situierten Kri­minalroman, sondern an den Grundmauern novellistischen Auf­baus überhaupt. Im Gegensatz zum Roman, der das Geschehen erst entwickelt und sein gesamtes Facettennetz aus Charakteren, Leiden und Freuden der Personen ausbreitet, beschränkt sich die Novelle auf das nackte Gerüst des Geschehens, huldigt dem Einzel­fall und dem Ereignis, das zielbewußt und ohne Berücksichtigung störenden Beiwerks dem Punkt, wenn auch nicht unbedingt dem Wendepunkt, entgegenstrebt. Bei einer derartigen Reduktion des Inhalts rückt automatisch, und bei der Novelle ausdrücklich, die Technik des Erzählens, der Stil in den Vordergrund. Das Spielen des Dichters mit dem Stoff, die Kunst gut zu erzählen, wie es Schle­gel formulierte, bilden Motor wie Karosserie einer Novelle, deren Struktur ihr Gehalt ist. Die Novelle ist also von Natur aus mobil