This is my city and my game
Sam Spade
Coenia Nova
Vollgesogen von Ödipus, analysierte Ernst Bloch den Kriminalroman*, vergafft in sein kleines Geheimnis ante rem; den Mord vor Handlungsbeginn, der sich im Roman ausgebreitet und zugeordnet findet. Es ist der Urstoff allen Detektorischen, das seine Kraft eben aus diesem immerwährenden Ur-Fall zieht, dessen Bewältigung sich im thanatalen Wiederholungszwang endlos zyklisiert. In der ewigen Suche nach sich selbst, was nichts anderes als die Suche nach der Suche bedeutet, textet sich das Geschehen zur Handlung. Rätsel und Entzifferung betten sich in einem Raum kodifizierter Symbolik, die Sicherheit wie Alleinanspruch deduktiver Logik gewähren. Es sind die verzweifelten Versuche, das zerstörte mittelalterliche ordo, thomistisches dispositio, in haßgeliebter Wiederkehr des Ursprungs neu erstehen zu lassen. Ein lächerliches Unterfangen wie Eco es in seiner Novelle aufzeigt, mehr unfreiwillige Persiflage denn landgewinnende Dammerrichtung. Am Anfang noch von der Macht der ratio überzeugt, breiten die neuzeitlichen Heroen, die großen Detektive die Indizienketten aus, die sie in den vorwiegend als Tatort fungierenden geschlossenen Räumen (!) eingraviert finden, entlarven in der Rue Morgue das tollwütige Affentier, Inkarnation des Unlogischen, und beweisen solcherart die Überlegenheit der ratiocination. Das erste Mal bringen die amerikanischen Hard- boiled dieses geschlossene Denkmuster in Verlegenheit, indem sie den Muff der in Kammern eingesperrten Logik in den offenen Räumen der Metropole verfliegen lassen, wo ihnen eine brutale Realität kaum mehr Zeit für Indizienverfahren zugesteht. So ist es denn eher Resignation gegenüber einem zwar als hinfällig durchschauten Ordnungsmuster, dem aber in sarkastischer. Selbsterkenntnis nichts anderes entgegengestellt werden kann, die sich dann wieder in den morbiden Vororten der Bourgeoisie von Los Angeles oder San Francisco zu Motivserien verfestigt. Den eigentlichen Schlußpunkt setzt jedoch ein anderer, eine Figur, mit der der Kriminalroman seine letzte große Variation formuliert:
* Ernst Bloch, Philosophische Ansicht des Detektivromans, Literarische Aufsätze Gesamtausgabe Bd. 9 (Der Übersetzer)
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