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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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Jahre nach ihrem letzten Ausbruch Bremen wieder schwer heimsuchten: "In diesem zurückgelegten Jahre 1711 haben die Pocken so hefftig grassiret, daß viele Eltern aller ihrer Kinder beraubet worden, 5, ja sechs an der Zahl, indem sie zu späht die Herren Medicos consultiret. 11268 Bei dieser Gelegenheit ent­stand kaum Schriftwerk, im Grunde ein nur belangloser Bruchteil der Überlie­ferung, die sich mit der Annäherung der Pest an Bremen und ihrem Auftreten 1712/13 befaßt, die die Grundlage für die am Anfang dieser Darstellung ste­hende Fallstudie bot.

8. Zwischenergebnisse

Im 17. Jahrhundert ist Bremen von vier Pestwellen heimgesucht worden. Die erste wurde spätestens im September 1610 beobachtet und lief im Dezember 1612 aus. Die zweite dauerte von April 1623 bis Ende 1628, wobei die Heftig­keit in den einzelnen Jahren unterschiedlich war; 1627 brachte den Höhe­punkt. Das dritte Auftreten wurde im Herbst 1655 vermerkt und endete mit letzten Ausläufern im März 1657. Unbedeutende Vorläufer 1664 kündigten einen neuen Ausbruch an. Erst im Sommer 1666 aber wurde die Bedrohung stärker; sie hielt noch bis ins Jahr 1668 an. Vereinzelte Erwähnungen wie z. B. der Vermerk Henrich Meiers über das "Pestilenzfieber" 1640 stehen so isoliert da, daß sicher nicht an die Pest sondern an das Fleckfieber gedacht werden muß.

Das letzte Auftreten der Pest im 17. Jahrhundert hatte von den vier genann­ten die geringsten demographischen Auswirkungen. In den Jahren 1666 und 1667, die die einzigen mit einer nennenswerten Zahl von Pesttoten gewesen sind, waren es 130 oder jedenfalls nicht wesentlich mehr Menschen, d. h. nicht mehr als etwa 0,6 % der Bevölkerung. Schwere Opfer forderte die Seuche da­gegen in dem im bremischen Landgebiet liegenden Dorf Walle. Die Pest von 1610 bis 1612 ist so schlecht bezeugt, daß sich keine zahlenmäßigen Anhalts­punkte finden lassen; sie muß jedenfalls recht heftig gewesen sein. Das gilt noch mehr von der zwischen 1623 und 1628 herrschenden Epidemie. Die ge­nannte Zahl von 10 000 Toten ist sicher nicht mehr als eine der üblichen Um­schreibungen für eine große Menge von Opfern, aber die zuverlässigen Anga­ben über den Tod eines Drittels der Kinder im Roten Waisenhaus 1625 und 17 weiterer 1628 sowie der Ankauf von Hunderten von Särgen durch die Verwal­ter der Armenpflege werfen doch Schlaglichter auf die Lage. Es sind bestimmt mehrere tausend Menschen in diesen Jahren an der Pest gestorben, wobei der Anteil der vom Kriegsgeschehen in die Stadt getriebenen Flüchtlinge sicher nicht gering war. Eine genaue und wohl auch zuverlässige Zahl liegt außer von 1666/67 nur von 1656 vor, in welchem Zeitraum 973, also rund 4 % der Einwohner an der Pest verstarben.

Anhaltspunkte für Alter und Geschlecht der Verstorbenen sind zuerst aus der Zeit der schweren Epidemie der 1620er Jahre vorhanden. Mehr als die

268 2-S.7.a.l.a.2., S. 88.

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