II. Das 17. Jahrhundert
1. Die Pest von 1610/11
Wann und woher die Pest im 17. Jahrhundert zum erstenmal nach Bremen gekommen ist, läßt sich nicht mit Bestimmtheit sagen, denn ganz Nordwestdeutschland wurde von ihr in kurzer Zeit erfaßt. In amtlichen Unterlagen ist sie in Bremen im Jahr 1610 nachzuweisen. Am 17. September bezahlte man aus der Gotteskiste, also der Armenkasse, von Unser Lieben Frauen das Begräbnis eines an der Pest gestorbenen Kindes. Zwölf Tage später waren schon acht Totenträger zu entlohnen 1 . Diese wurden immer erst angenommen, wenn die Seuche schon einige Zeit grassierte. In seinem Tagebuch vermerkte der spätere bremische Syndikus Johann Wachmann im August 1611, daß die Pest "nun 3 Jahr geregiret" 2 , was auf Vorboten 1608 oder 1609 hindeutet. Tatsächlich war schon 1608 die fast 30 Jahre alte Pestschrift des bremischen Stadtarztes Johann Ewich in Magdeburg nachgedruckt worden, wohl nicht zum wenigsten in der Hoffnung auf Käufer an der Weser, und 1609 fand ein etwas seltsam anmutender Eintrag in das Rechnungsbuch der Kirche Unser Lieben Frauen Aufnahme: Der Beutelmacher Joachim Bodeker dürfe für 3 BM einen Grabstein auf seine Begräbnisstätte setzen, allerdings nicht in Pestzeiten, falls er keine eigene Wohnung hier in Bremen hätte 3 . Es sollte vielleicht verhindert werden, daß Abwesende ausgerechnet in Zeiten befürchteter großer Sterblichkeit ihre Ansprüche auf eine Grabstätte hervorhoben.
Spätestens zu dieser Zeit wußte man, daß auch andere Teile Nordwestdeutschlands betroffen waren. Fallingbostel ließ seinen gewöhnlich im Oktober stattfindenden Markt in diesem Jahr wegen der Pest und 11 Hoffgangk ”, also Ruhr, ausfallen, und Celle mußte diesem Beispiel folgen 4 . 1610 waren in Bremen vor allem das Stephaniviertel und die Vorstadt vor dem Ostertor betroffen 5 .
Im Sommer des folgenden Jahres kam es zu einem steilen Anstieg der Zahl der Todesfälle, der sich an der Erhöhung der Ausgaben für die Armenbegräbnisse deutlich ablesen läßt 6 . Nun fanden sich die Opfer nicht mehr nur unter den kleinen Leuten. Der Bürgermeister Heinrich Krefting war der prominenteste Tote dieser Epidemie am 1. August 1611. Er hatte vergeblich versucht, der Ansteckung durch Flucht aus der Stadt zu entrinnen 7 . Seinem Beispiel folgten viele. Johann Wachmann schloß sich einer bekannten Familie an und reiste mit ihr "der Pest halber" bis in die Niederlande 8 . Pädagogeum und Gymnasi-
1 2-T.4.a.l.l.6.d., S. 29 f.
2 2-ad P.7.a.2.(Nr. 1), S. 26; vgl. dazu auch Entholt, Wachmannia, S. 136.
3 2-T.4.a.l.l.3.a„ S. 4.
4 2-Ss.3.c.l2.; 2-S.7.a.l3.a.2.a.3.d.
5 2-T.4.a.l.l.6.d„ S. 34, 36 f.
6 Ebd., S. 48 f.
7 12.W.1, S. 245; 12.W.7, S. 125; 12.W.14, S. 374.
8 2-ad P.7.a.2.(Nr. 1), S. 26.
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