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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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C. CHRONOLOGISCHER TEIL: DIE PEST IN BREMEN VOM 14. BIS ZUM 17. JAHRHUNDERT

I. Vom Großen Sterben bis zum Ende des 16. Jahrhunderts

1. Das Große Sterben 1350

Die erste Pestwelle, die Bremen erreichte, wurde von den auf ihren Erobe­rungszügen nach Westen vordringenden Tataren 1347 vor die Stadt Katta auf der Krim getragen. Hier besaßen die Genuesen eine Handelsniederlassung. Im Laufe ihrer Belagerung wurden auch einige der Verteidiger infiziert, die schließlich an der Flucht zu Schiff nach Messina teilnahmen. Auf diesem Wege gelangte die Seuche nach Südeuropa und ergriff bald auch Genua, den Hei­matort der Flüchtlinge, und Marseille. Frankreich wurde bis Ende 1348 ganz von der Pest erfaßt und sogar London erreicht. Das südliche Deutschland war wohl schon ebenso betroffen, doch die stärkste Ausbreitung in Mitteleuropa fiel erst in die Jahre 1349 und 1350 1 . Der furchtbare Umfang der von einer den Zeitgenossen unbekannten Seuche innerhalb kurzer Zeit verursachten Men­schenverluste führte dazu, vom Großen Sterben oder wegen der Gewebever­färbungen vom Schwarzen Tod zu sprechen. 1349 soll eine Linie von Stendal über Hannover und Vechta bis Friesoyte in Richtung Bremen noch nicht über­schritten worden sein 2 . Diese Angabe stützt sich allerdings nur auf Daten im Deutschen Städtebuch, deren Zuverlässigkeit in manchen Fällen bezweifelt werden muß 3 4 . So gibt es einen urkundlichen Beweis, daß sich die Pest um diese Zeit auch nördlich von Bremen schon bemerkbar machte. Am 8. September 1349 übergab der Knappe Detmar von Borch zu Bederkesa Güter an die dorti­ge Kirche "ob salutem animarum Wiben, mee uxoris, Ghertrudis, Mechtildis, Marquardi, Conradi et Thiderici, patruelium meorum, qui in pestilencia obie- runt"\ Hier scheinen die Ehefrau und der Verwandtenkreis eines Angehörigen des niederen Adels frühzeitig der Pest zum Opfer gefallen zu sein.

1 Zum zeitlichen Ablauf der Ausbreitung vgl. Bulst, Schwarzer Tod, S. 46 f.; Isen- mann, S. 39; Keil, Seuchenzüge, S. 112 f.; Zinn, S. 156-159; Keil u. Bulst, Epidemi­en; dies., Pest.

2 Vgl. Bulst, Vier Jahrhunderte, S. 264 Anm. 2; Keyser, Pest in Niedersachsen, S. 109.

3 Vgl. oben S. 13.

4 Cassel, Münz-Cabinett, Teil 2, S. 48. (Das Original der Urkunde, früher im StA Bre­men, Trese 43, ist seit 1945 verschollen.) Der bremische Chronist Johann Renner bringt zum Jahre 1349 eine scheinbar ergänzende Nachricht; "Disses jarß was eine gruwsame grote pestilentze, dat vele dusent minschen in Dutschlandt, Italien und in Franckrick storven, und holt to Bremen ock wol hus" (StUBB, Brem.a.96, S.262; Transkription von Klink, Teil 1, S. 287). Diese Niederschrift ist jedoch erst mehr als zwei Jahrhunderte später entstanden und findet in der älteren bremischen Chroni- stik keine Stütze; zu Renner vgl. unten S. 111 Anm. 56.

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