5. Kam die Pest von 1655 /56 aus den Niederlanden?
Die letzten ärztlichen Erfahrungen mit der Pest lagen mehr als ein Vierteljahrhundert zurück, als die Seuche wieder bedrohliche Formen annahm. Im Jahre 1655 "grassirte die Pest erschrecklich in Amsterdam", vermerkte Peter Koster in seiner Chronik 121 . "Ein Schiffer von dannen kommend, so krancke Leute inne hätte, warf das Bette über Bord in die Weser, worauf einer gestorben war, welches im Stedingerland an Land getrieben und von einigen unverständigen Leuten als ein guter Fund ins Hauß geholet worden, wodurch im selben Dorf- fe die Pest sehr hart um sich grieff. [...] Andere aus Amsterdam im Herbst an- hero nach Bremen kommende Persohnen erregten auch mit Außgang dieses Jahrs die Pest an zweyen Orten alhie in Bremen als in der Mattenburg fürm Ostern- und in der Kleinen Krummenstraßen fürm Steffensthor, woran in diesem Jahre auch einige Menschen stürben, welches aber mit dem Frost schiene aufzuhören. Senatus ließ noch in diesem 1655sten Jahre eine Pest-Ordnung publiciren, so gedrucket vorhanden. “
Diese neue Anleitung der Stadtphysikusse, die wieder als "Kurtzer Bericht 11 betitelt wurde, unterschied sich inhaltlich kaum von ihren Vorgängerinnen. Unter allen Leibeskrankheiten, mit denen Gott die Menschen wegen ihrer Sünden heimsuche, sei "die allergrösseste, abscheulichste und vergiffteste die Pest, welche so ansteckend, böß und durchdringend ist, daß sie innerhalb wenig Tagen vielen Tausenden pfleget das Leben zu nehmen". Noch sei die Luft in Bremen nicht vergiftet, aber das täglich dreimalige Räuchern in den Häusern trotzdem vorbeugend zu empfehlen. Amulette, Herzsäcklein, Balsam oder Sälblein, Pillulae pestilentiales oder Purgier-Pillen, Pestküchlein und Kinderküchlein, Schweißtränke u. dgl. wurden in reicher Zahl empfohlen. Wie sehr die Anleitung sich in Einzelheiten erging, zeigen beispielhaft die Vorschriften über das Verhalten bei Ohnmächten. "Item ein wenig Damascen- wasser uff die Zungen geben oder ein wenig confection alkermes mit Kaneel- wasser, Boragenwasser und Limonensyrup vermischet oder ein wenig Perlenzucker mit gedachten Wassern nehmen lassen." Von der Notwendigkeit einer Isolierung der Kranken oder Verdächtigen, die Ewich schon im vorigen Jahrhundert gefordert hatte, fand sich wieder kein Wort.
1655 blieben die Auswirkungen der Pest auf Bremen offenbar noch gering. Das Werkhaus, das Armen in der Stadt einen Verdienst durch die Vergabe von Spinn-, Spul- und Kämmarbeiten verschaffte, stellte im November dieses Geschäft als Vorsichtsmaßnahme gegen den befürchteten Befall ein 122 . Am 15. dieses Monats ernannte der Rat den Barbier Michael Archenberg zum Pestmeister 123 .
121 2-P.l.s.22.b., S. 468 f. Auch der Bremer Rat vertrat aus verständlichen Gründen die Ansicht, daß die Pest nach Stedingen direkt aus den Niederlanden und nicht auf dem Umweg über Bremen eingeschleppt worden sei, vgl. unten S. 177.
122 2-P.l.u.2.b.33., S. 255.
123 2-S.7.b.9.
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