4. Pest als Schimpfwort im konfessionellen Streit
Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, fast genau 300 Jahre nach dem ersten Ausbruch der Seuche in Bremen, wurde das Wort Pest nicht mehr nur zur Bezeichnung einer Krankheit verwendet. 1647 hatte der Stader Generalsuperintendent Michael Havemann, ein starrer orthodoxer Lutheraner, der nach allen Seiten Fehden austrug, in Hamburg eine Schrift erscheinen lassen unter dem Titel "Eris Eucharistica, das ist Streit und Unterscheid zwischen den lutherischen und calvinischen Lehrern in dem wichtigsten Articul vom H. Abendmal 11 . Zu seinem Gegenspieler fühlte sich in Bremen der Arzt Johann Sophro- nius Kozak berufen, der auch Theologie studiert hatte 119 . Er stammte aus Böhmen und versuchte als frommes Mitglied der Brüderunität Medizin und Religion miteinander zu verknüpfen und die Richtigkeit seiner Thesen auch aus der Bibel zu beweisen, womit er selbst in Bremen auf wenig Gegenliebe stieß, sahen doch die Pastoren darin einen Übergriff auf ihr Wirkungsgebiet. Wegen seiner Irrtümer und dogmatischen Fehler, besonders in der Abendmahlslehre, wurde er 1645 vom Geistlichen Ministerium exkommuniziert. Das hinderte ihn nicht, 1648 auch gegen Havemann seine Anschauungen zu verteidigen in einer Schrift, die er als Gegengift gegen die Havemannsche Pest bezeichnete: " Alexipharmacum pestis Havemannianae, d.i. eine deutliche und gründliche Wiederlegung des gifftigen Büchleins M. Michaelis Havemanni Eris Eucharistica genant".
Havemann ging im selben Jahr zum Gegenangriff über, wobei auch er im Titel seiner neuen Schrift dem Streit scheinbar eine ärztliche Seite abgewann: " Geschwinde Abfertigung eines Calvinischen Medizi zu Bremen, welcher sich nennet D. Johan. Sophron. Kozack". Er habe mit Widerspruch verständiger gelehrter Theologen gerechnet, nicht aber mit den Auslassungen eines Arztes, der lieber beim Destillieren, Sublimieren, Anatomisieren und Kurieren bleiben sollte. "Behüte Gott im Himmel für diese Diseurs, die öffentlich gedrucket worden in Bremen, deß solte man sich schämen. [...] Auf der Apoteck stehet dem Doctor das Mischen und Vermengen frei, aber in Büchern ist es nicht ehrbar." Zum Schluß attestierte der Kirchenmann dem Arzt, "daß leider sein Gehirn sehr viel Nullen in sich habe, keinen Grund, [keine] Geschicklichkeit". Sofort setzte Kozak den literarischen Kampf im anfangs von ihm angeschlagenen Ton fort, indem in seinem nächsten Titel die Behandlung der rückfälligen Havemannschen Pest, "Recidivae pestis Havemannianae cura", angekündigt wurde. Natürlich ging es in all diesen Traktaten mit keinem Wort um medizinische Fragen; die Fachterminologie hatte nur durch Kozak in Bremen Eingang in eine sachfremde Polemik gefunden. Freilich war das keine hanseatische Eigenheit. Die schädliche Sache oder den widerstrebenden Menschen mit der Pest in Verbindung zu bringen und dadurch beim Leser Abscheu zu erregen, war längst anderswo schon verbreitet 120 .
119 Biographische Angaben bei Lorent, Kozak, S. 109 f.; ausführlicher und im größeren Zusammenhang Schmidtmayer, Beziehungen, S. 337-344.
120 Vgl. Herrlinger, S. 698.
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