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Die Pest in Bremen : Epidemien und freier Handel in einer deutschen Hafenstadt 1350 - 1713 / Klaus Schwarz
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4. Pest als Schimpfwort im konfessionellen Streit

Um die Mitte des 17. Jahrhunderts, fast genau 300 Jahre nach dem ersten Aus­bruch der Seuche in Bremen, wurde das Wort Pest nicht mehr nur zur Be­zeichnung einer Krankheit verwendet. 1647 hatte der Stader Generalsuperin­tendent Michael Havemann, ein starrer orthodoxer Lutheraner, der nach allen Seiten Fehden austrug, in Hamburg eine Schrift erscheinen lassen unter dem Titel "Eris Eucharistica, das ist Streit und Unterscheid zwischen den lutheri­schen und calvinischen Lehrern in dem wichtigsten Articul vom H. Abend­mal 11 . Zu seinem Gegenspieler fühlte sich in Bremen der Arzt Johann Sophro- nius Kozak berufen, der auch Theologie studiert hatte 119 . Er stammte aus Böh­men und versuchte als frommes Mitglied der Brüderunität Medizin und Reli­gion miteinander zu verknüpfen und die Richtigkeit seiner Thesen auch aus der Bibel zu beweisen, womit er selbst in Bremen auf wenig Gegenliebe stieß, sahen doch die Pastoren darin einen Übergriff auf ihr Wirkungsgebiet. Wegen seiner Irrtümer und dogmatischen Fehler, besonders in der Abendmahlslehre, wurde er 1645 vom Geistlichen Ministerium exkommuniziert. Das hinderte ihn nicht, 1648 auch gegen Havemann seine Anschauungen zu verteidigen in einer Schrift, die er als Gegengift gegen die Havemannsche Pest bezeichnete: " Alexipharmacum pestis Havemannianae, d.i. eine deutliche und gründliche Wiederlegung des gifftigen Büchleins M. Michaelis Havemanni Eris Euchari­stica genant".

Havemann ging im selben Jahr zum Gegenangriff über, wobei auch er im Titel seiner neuen Schrift dem Streit scheinbar eine ärztliche Seite abgewann: " Geschwinde Abfertigung eines Calvinischen Medizi zu Bremen, welcher sich nennet D. Johan. Sophron. Kozack". Er habe mit Widerspruch verständiger gelehrter Theologen gerechnet, nicht aber mit den Auslassungen eines Arztes, der lieber beim Destillieren, Sublimieren, Anatomisieren und Kurieren bleiben sollte. "Behüte Gott im Himmel für diese Diseurs, die öffentlich gedrucket worden in Bremen, deß solte man sich schämen. [...] Auf der Apoteck stehet dem Doctor das Mischen und Vermengen frei, aber in Büchern ist es nicht ehr­bar." Zum Schluß attestierte der Kirchenmann dem Arzt, "daß leider sein Ge­hirn sehr viel Nullen in sich habe, keinen Grund, [keine] Geschicklichkeit". Sofort setzte Kozak den literarischen Kampf im anfangs von ihm angeschla­genen Ton fort, indem in seinem nächsten Titel die Behandlung der rückfälli­gen Havemannschen Pest, "Recidivae pestis Havemannianae cura", angekün­digt wurde. Natürlich ging es in all diesen Traktaten mit keinem Wort um me­dizinische Fragen; die Fachterminologie hatte nur durch Kozak in Bremen Ein­gang in eine sachfremde Polemik gefunden. Freilich war das keine hanseati­sche Eigenheit. Die schädliche Sache oder den widerstrebenden Menschen mit der Pest in Verbindung zu bringen und dadurch beim Leser Abscheu zu erregen, war längst anderswo schon verbreitet 120 .

119 Biographische Angaben bei Lorent, Kozak, S. 109 f.; ausführlicher und im größe­ren Zusammenhang Schmidtmayer, Beziehungen, S. 337-344.

120 Vgl. Herrlinger, S. 698.

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