Heft 
(2006) Bd. 3. [Dom]
Seite
51
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Gutermann / Steffens - Abbruchreif oder sanierbar?

Marc Gutermann / Klaus Steffens

Abbruchreif oder sanierbar? Bausubstanzerhaltung durch experimentellen Tragsicherheitsnachweis

»Die Baukunst zerstört die Baukunst. So war es immer, und man nahm es hin, wie eine Natur­notwendigkeit.« 1

Prägnanter als durch das Zitat Dehios lässt sich der Konflikt »Abbruch versus Erhalten« kaum beschreiben.

Die physikalisch beweisbare Erhaltbarkeit im Sinne der Tragsicherheit und die Erhaltungswür­digkeit aus vielerlei Gründen bilden eine gemein­same Schnittmenge, deren baustatische Kompo­nente nachfolgend behandelt werden soll.

Problemstellung

Historische Bauten wurden in der Regel auf der Grundlage traditioneller, baumeisterlicher Er­fahrungen mit zeitgenössisch verfügbaren Ma­terialien errichtet. Ihr gegenwärtiger baulicher Zustand lässt sich im Hinblick auf die Tragsi­cherheit und Dauerhaftigkeit mangels zuverlässi­ger Daten über die Baustoffe und den Lastabtrag nur selten korrekt beurteilen.

»Im Bereich der Tragwerksplanung sind unnötige Abbräche und teure Austausch­maßnahmen aufgrund von Fehleinschätzungen des noch tragfähigen Bestandes an der Tages­ordnung. Die Flucht in die normenbegrände- te Sicherheit und Bequemlichkeit widerspricht aber nicht nur den Prinzipien eines nachhal­tigen Umgangs mit dem Altbestand und den Erhaltungsanforderungen der Denkmalpflege, sondern oft genug auch den Interessen der Bau­herren« (Schulze) 2,

Voraussetzung für eine nachhaltige, kosten­optimierte Maßnahme zur Bestandserhaltung vorhandener Bauten, zu deren Sanierung und zur Gewährleistung des Sanierungserfolges ist der Nachweis ihrer Tragsicherheit und Ge­

brauchsfähigkeit. Der übliche rechnerische Nachweis dafür setzt voraus, dass neben der Geo­metrie, Lagerung und Belastung alle wesentli­chen Werkstoffeigenschaften und Zustands- merkmale bekannt sein müssen und dass es gelingt, das Tragverhalten wirklichkeitsnah ma­thematisch zu beschreiben.

Die Bauwirklichkeit zeigt aber, dass in vie­len Fällen eine oder mehrere Voraussetzungen für den rechnerischen Tragsicherheitsnachweis nicht bekannt oder unsicher zu bestimmen sind. Gründe dafür sind unbekanntes Werkstoff- und Systemverhalten, wie zum Beispiel:

• begrenzte statische Unterlagen

• ungenaue Kenntnisse der Bauausführung

• Schädigung der Werkstoffe

• unklarer Lastweg, vereinfachte Modellbil­dung

• geänderte (erhöhte) Anforderungen durch Umbau und Nutzungsänderung

In derartigen Fällen lohnt es gelegentlich, die Tragsicherheitsanalyse in situ, also am vorhan­denen Bauwerk, vorzunehmen. Voraussetzung hierfür ist jedoch eine schädigungsfreie Durch­führung, die weder die Tragsicherheit noch die Dauerhaftigkeit des Objekts beeinträchtigt.

Methodik

Ein experimenteller Tragsicherheitsnachweis ist unter Wahrung der Sicherheit und Schädigungs- ffeiheit für das Bauwerk an Voraussetzungen ge­bunden:

• stufenlos regelbare Versuchslast mit »Not- Aus«

• selbst sicherndes Belastungsprinzip (keine absturzgefährdeten Massen)