Ich muß deshalb feststellen, daß der von der Partei über die jüdischen Geschäfte verhängte Boykott noch nicht einmal die Voraussetzung erfüllt, die dem Recht der Talion innewohnt.
Aus der in der B.N.Z. 147 veröffentlichten Liste entnahm ich, daß sich unter den jüdischen Kaufleuten viele befinden, die seit Jahrzehnten als Arbeitgeber und Steuerzahler ihre staatsbürgerlichen Pflichten erfüllt haben, daß Ärzte genannt worden sind, die den Kranken ohne Rücksicht auf Abstammung und Konfession Hilfe geleistet haben; daß vor Anwälten gewarnt wurde, die dem Bedürftigen, gleichgültig ob er Jude oder Christ war, ihren rechtlichen Beistand gewährt haben. Auf welche Weise will die nationalsozialistische Partei das Recht der Zukunft über das geltende hinaus entwickeln, wenn solch offenbare Ungerechtigkeiten begangen werden? Man wird mir entgegenhalten, daß in der Politik jedes Mittel erlaubt sei, sofern es nur berechtigten Zwecken diene. Ich muß dies bestreiten! Nur aus gerechten und sittlichen Handlungen können Erfolge entstehen, wie dies von allen großen Denkern des deutschen Volkes vertreten worden ist [. . .] Einen Durchschlag dieses Schreibens habe ich einigen Stellen in Bremen zugeleitet, von denen ich annehme, daß sie für meine Auffassung Interesse haben könnten." 148
Eine Antwort auf diese Stellungnahme fand sich nicht; vielleicht war für die neuen Machthaber nur stillschweigendes Ubergehen möglich.
c) Verlauf
Der 1. April, auf den seit Tagen die ganze Aufmerksamkeit gelenkt war, verlief, wie die Initiatoren stolz in den Zeitungen verkündeten, „planmäßig". Die Berichte aus Bremen zeigen, daß es hier nicht anders zuging als im übrigen Reich 149 . Um dies und die vorherrschenden Sichtweisen zu verdeutlichen, seien hier aus der Tagespresse die eher liberal-konservativen „Bremer Nachrichten" und die „Bremer Nationalsozialistische Zeitung" zitiert.
Aus den „Bremer Nachrichten" vom 2. April 1933: „Die Boykottmaßnahmen in Bremen Völlig ruhiger Verlauf
Die Abwehrmaßnahmen gegen die Greuelpropaganda des ausländischen Judentums verliefen am gestrigen Sonnabend in Bremen ohne besondere
147 Abkürzung für Bremer Nationalsozialistische Zeitung.
148 Schreiben des Rechtsanwalts Dr. C. an den Präsidenten des Senats von Anfang April 1933 (Qu. 119).
149 Hier sei verwiesen auf Genschel, S. 51 ff.; Uhlig, S. 83 f.; Hans Franke, Geschichte und Schicksal der Juden in Heilbronn, Heilbronn 1963, S. 116 f.; Karl Kühling, Die Juden in Osnabrück, Osnabrück 1969, S. 80 ff.; Dorothee Linn, Das Schicksal der jüdischen Bevölkerung in Memmingen von 1933 bis 1945, Stuttgart 1968, S. 22; Maria Zelzer, Weg und Schicksal der Stuttgarter Juden, Stuttgart (1964), S. 155.
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