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Die Bremer Juden unter dem Nationalsozialismus / Regina Bruss
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scher Ärzte und jüdischer Rechtsanwälte" sorgen und durch Propaganda und Aufklärung die Aktionpopularisieren". Dahinter stand die Forderung, der Boykott müsseein allgemeiner" sein undvom ganzen Volk getragen" werden. Die schwere Aufgabe, den Kampfin vollster Ruhe und größter Disziplin" zu führen, war ihnen ebenfalls zugedacht 115 .

Diese Anordnung wurde in der Presse veröffentlicht und je nach politi­scher Tendenz kommentiert. Um die durchdachte Planung hervorzuheben, wurde immer wieder dasZentralkomitee zur Abwehr der Greuel- und Boykotthetze" in den Vordergrund geschoben und mit ihm der Leiter des Boykotts, Julius Streicher, Gauleiter von Franken 116 . Damit sollte in der Öffentlichkeit das Bild einer geschlossenen, sich in der Vergeltung am ver­leumderischen Judentum einigen Front entstehen.

b) Reaktionen Die Juden

Bedroht mußten sich außer den Ärzten und Rechtsanwälten vor allem die jüdischen Geschäftsinhaber fühlen; völlig überrascht konnten sie jedoch nicht sein, da sie schon zu lange Zielscheibe der nationalsozialistischen Propaganda gewesen waren. Doch bestürzt mußten sie teilweise schon über 20 Jahre in Bremen ansässig und auf angestammtem Platz in der hiesigen Geschäftswelt in der geplanten Boykottierung den Übergang zu handfesteren Methoden erkennen. Viel zu tun blieb ihnen in dieser Situation wohl nicht. In der Hoffnung, es handele sich um den einmaligen Versuch, ihnen für die angebliche Hetze im Ausland einen Denkzettel zu verpassen, vertraute man auf die Bereitschaft der Deutschen, doch noch zu einem für alle Bevölkerungsteile befriedigenden Zusammenleben zu kommen.

Ob in diesen Tagen aufgrund der Boykottbekanntgabe Juden Bremen ver­ließen, war nicht feststellbar. Eine Mitteilung der Polizeidirektion läßt zu­mindest auf solche Erwartungen schließen. Der Polizeiherr ordnete an, im bremischen Staatsgebiet außer in begründeten Einzelfällen keine Pässe für Juden auszustellen. Die Maßnahme führte er auf Meldungen zurück, nach denen jüdische Kreise versuchten, Gelder und Wertpapiere sogar unter Ver­wendung von Privatflugzeugen ins Ausland zu schaffen.Dies aber muß im Interesse der deutschen Wirtschaft verhindert werden." 117

Aus jüdischen Geschäftskreisen erhoben sich die ersten Stimmen. Jedoch war es kein Protest gegen die geplante Aktion 118 , sondern eine Stellung-

115 Westphalen, ebd.

116 Gensdiel, a.a.O., weist darauf hin, daß Streicher nach eigener Aussage die Leitung von Hitler erhielt und dasZentralkomitee" nie zusammentrat.

117 Qu. 95.

118 Nach Gensdiel, S. 48 f., protestierte nur die Reichsvertretung der deutschen Juden an offizieller Stelle, und zwar mit dem Hinweisauf die bewiesene vaterländische Opferbereitschaft der deutschen Juden in Krieg und Frieden".

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