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Merker, Rechtsverhältnisse und Sitten der Wadschagga.
5. Staats-, Verwaltungs- und Völkerrecht.
Die Kilima-Ndscharo- Bevölkerung ist aus den verschiedensten Richtungen eingewandert und stellt heute ein Misch volle dar, dessen Elemente aus Massai, Wapare, Waschambaa, Wataita und Wakuafi, einem jetzt versprengten Stamm, der die grofsen Steppen bewohnte, ehe die Massai ihn aufrieben und verdrängten, bestehen. Die westlichen Landschaften scheinen zuerst von Wakuafi- und Massai - Mischlingen bewohnt worden zu sein, während die Landschaft Moschi sich zunächst aus Usambara bevölkerte und die östlichen Landschaften ihre Bewohner aus Taita Ukamba und der Massai-Steppe bekamen. Wann die erste Einwanderung nach dem Kilima-Ndscharo erfolgte, wird sich wohl kaum jemals mit Sicherheit feststellen lassen. Die einzigen bisher gefundenen Merkzeichen sind mächtige alte Bäume, welche in den Resten früherer Grenzgräben gewachsen sind. Diese waren wahrscheinlich schon unbenutzt und im Verfall, als die Samen aus denen jene Bäume entstanden, keimten. Als sie angelegt wurden, mufsten die Landschaften schon so stark bevölkert gewesen sein, dafs Kriege untereinander nicht selten waren. Die Bevölkerungszunahme ist aber wohl nur eine sehr langsame gewesen, denn hei Volksstämmen, die noch vor 10—20 Jahren lediglich aus Aberglauben so viel Kinder töteten und noch heute abtreiben, geschah dies früher sicher in noch gröfserem Mafse. Schliefslich ist anzunehmen, dafs die Einwanderer arm nach dem Berge kamen und sich erst durch langsame Zucht einen Viehbesitz erworben haben, der den Neid der Nachbarstämme weckte und ihnen den Grund zum Krieg gab.
Die geschichtliche Erinnerung der Eingeborenen reicht nicht über 200 bis 300 Jahre zurück.
Hungersnot war es vermutlich, welche die Leute aus ihren ursprünglichen Wohnsitzen vertrieb. So wanderte damals die Kissanga-Familie aus Usambara aus und zog nach Nordwesten. Als Bergvolk, welches das Steppenklima nicht verträgt, suchten sie wieder Berggegenden. Das Paregebirge lag vor ihnen, und sie versuchten an einigen Stellen dort einzudringen; doch vergebens, überall stiefsen sie auf Pare-Krieger, die ihnen den Einzug verwehrten. Da sahen sie von ferne den Kilima-Ndscharo und zogen weiter in der Hoffnung, geeignetes Land zur Ansiedelung zu finden. Nach ihrer Überlieferung fanden sie die Hänge dieses Bergstocks unbewohnt und setzten sich in Moschi auf dem Hügel Mahoma in einer Höhe von 11- bis 1300 m, die ihren früheren Wohnsitzen in Usambara entsprachen, fest.
Einige Jahrzehnte später, nachdem sich die Wakissanga in der Landschaft Moschi häuslich eingerichtet hatten, folgte ihnen die Makillo-Familie und besetzte, da sie die Wakissanga nicht in die von ihnen okkupierte Landschaft liefsen, das Land unterhalb davon nach der Steppe zu. Das Klima sagte ihnen aber auf die Dauer nicht zu, und sie beschlossen, sich den Eintritt in die höher gelegenen Teile zu erzwingen. Der Überlieferung folgend, stiefsen sie da aber unerwartet auf gröfsere Schwierigkeiten, denn ein Kissanga- Mann, Namens Mbolosso, hatte eine Art kleiner Bogen und Holzpfeile erfunden, die als Waffen gegen die waffenlosen Wamakillo verwendet wurden.
Zu dieser Zeit waren die Landschaften Madschame und Kibognoto schon teilweise bewohnt, und in ersterer herrschte ein Massai, Renguo, der von Makillos Kommen gehört hatte und seine Freundschaft suchte. Die Kissanga - Leute, die es inzwischen Bchon zu einigem Viehhesitz gebracht hatten, regten die Habsucht des geborenen Viehräubers Renguo und seiner Leute, weshalb er Verbündete wünschte. Das perfide Albion Ostafrikas waren schon damals die Massais, die heute sich mit einem Volksstamm verbanden und einen dritten überfielen, während sie ein paar Tage später mit dem ausgeraubten gegen ihren letzten Verbündeten in den Krieg zogen.