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Der Njassasee und das deutsche Njassaland : Versuch einer Landeskunde / von Gisela Frey
Entstehung
 
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Kapitel I.

Die kulturelle Erschließung des Njassagebietes.

Der afrikanische Kontinent birgt in seinem In­nern weite, ausgedehnte Hochplateaus, in die eine Reihe von Gräben, teils leer, teils mit Wasser ge­füllt, eingesenkt sind. Zu diesen Gräben rechnet auch der Njassa. Er liegt im Südwesten unserer Kolonie Deutsch - Ostafrika. Seine Ufer gehören politisch zu Deutschland, Portugal und Großbritan­nien, und zwar besitzen die beiden ersten der ge­nannten Mächte etwa je den vierten Teil seiner Küsten, Großbritannien die Hälfte.

Erst seit wenigen Jahrzehnten haben wir über­haupt Kenntnis von seiner Existenz. Zwar schei­nen die Portugiesen im 16. Jahrhundert bereits Kunde von großen Seen im Innern von Afrika be­sessen zu haben, die Joäo Baptista bei einer Durchquerung Zentralafrikas von Angola bis Ibo im Makualande entdeckt haben soll, und die sie da­mals bereits in ihre Kartenwerke eingetragen haben. Von diesen Seen scheint der Meravisee ihrer Karten mit dem Njassa identisch zu sein (i, p. 85). Schon im 17. Jahrhundert haben dann portugiesische Schiffe den See befahren. Doch gerieten diese For­schungsergebnisse vollständig in Vergessenheit oder wurden nur wenig bekannt, 1 ) und erst dem schottischen Missionare David Livingstone verdanken wir die Kenntnis dieses Sees, den er 1859 entdeckt und dem er Anfang der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts (1861, 1863, 1866") noch mehrere Forschungsreisen gewidmet hat. Die ersten Nachrichten über diese folgenschwere Ent­deckung brachte ein Brief vom Schirefluß, vom 1. November 1859 datiert, in die Heimat (2). Ihm folgten andere Berichte (3) und bald darauf auch zusammenhängende Darstellungen der Ergebnisse (4, I, p. 83 fr.; 5, p. 104 ff., 365 ff.). Wenig später erreichte ein deutscher Gelehrter, Albrecht R'o scher, der seinen Weg von Kilwa aus durch das Rufijigebiet genommen hatte, den See. Doch gelangten seine Aufzeichnungen nicht nach Europa,

J ) Die Summe der damaligen Kenntnis ist in einem Be­richte von Boteler in der Edinburgh Review 1835, p. 347fr, niedergelegt.

Mitteilungen a. d. D. Schutzgebieten, Ergänzungsheft 10.

da er, ein Opfer seines Forschermutes, auf der Heimkehr von Eingeborenen ermordet wurde. Mit diesen kühnen Vorstößen begann eine neue Phase in der Erkundung des Njassa, an der sich zunächst England, bald darauf aber im hohen Grade auch Deutschland beteiligten.

Im Anschluß an die Tätigkeit David L i - vings ton es bemächtigten sich britische Müs-, sionsgesellschaften bald darauf dieses ihnen neu er öffneten Arbeitsfeldes. Seit 1870 sind englische Missionare hier dauernd tätig und gewannen an der West-, Süd- und portugiesischen Küste nach und nach festen Fuß. Eine Reihe meteorologischer Be­obachtungen, die sie frühzeitig anstellten, lieferten einen wertvollen, ersten Aufschluß über die klimati­schen Verhältnisse des Njassagebietes. Britische Missionare, Elton und Cotterill, waren es auch, die 1877/78 den See durchkreuzten und reiche Kunde vom Kondeland und seiner GebirgsumWal­king brachten (6, p. 276337). Stewart, Ste­venson, La w.s und andere folgten ihnen um die­selbe Zeit und richteten ihre Aufmerksamkeit vor allem auf das Westufer (7, 8, 9), während W. P. Johnson das Ostufer und das Gebiel /.wischen Njassa und Rowuma bereiste (10, p. 512536). Von der Londoner geographischen Gesellschaft wurde K e i t h Jnhnston 1878 eine Expedition nach dem Njassa anvertraut, deren Leitung nach dem j baldigen Tode Johnstons in die Hände des Geolo­gen J. Thomson überging. Dieser mutige For­scher überschritt den Mbarali, durchquerte das Li- vingstonegebirge und Kondeland und legte die Grundzüge dieser Gebiete klar (n). Die Reise des Franzosen Giraud (1883), der ebenfalls von Osten her das Nordufer des Sees erreichte, brachte eher zoologische, denn geographische Ergebnisse (12, p. 172 ff., 539 ff.). Dem englischen Arzte und Missionar Kerr Gross (1889) verdanken wir wichtige Beiträge zur Kenntnis des Njassa-Tan- ganjika-Plateaus wie des Kondelandes (13, p. 89 bis 99; 14), und auch H. Drummond (4883), H. H. J ohnston, S h arp e (1890) und Scott