Niels Lyhne.
Roman von Z. p. Jacob sen. Aus dem Dänischen übersetzt von Mathilde Mann. (Fortsetzung.)
a geschah es an einem Sonntag, ansang August, daß Lyhne und seine Frau in die Nachbarschaft gefahren und Niels und Fräulein Edele allein zu Hanse geblieben waren. Am Vormittag hatte Edele Niels gebeten, ihr einige Kornblumen zu pflücken, er hatte es aber vergessen, und erst am Nachmittag, als er mit Frithjof umhcrschlenderte, erinnerte er sich daran. Er pflückte die Blumen und lief damit nach Hause.
Die Stille, die im ganzen Hause herrschte, erweckte in ihm die Vorstellung, daß die Tante schlafe, und vorsichtig schlich er durch die Zimmer. Auf der Schwelle zum Saal hielt er inne und bereitete sich darauf vor, ganz leise zu Edelens Thür hmüberzugehen. Das Zimmer war voll Sonnenschein, und ein großer, blühender Oleander machte die Luft beklommen mit seinem süßen Mandelduft. Der einzige Laut, der hörbar war, kam vom Blumentische her, wo die Goldfische in ihrem Glasgefäß plätscherten.
Niels ging leise über den Fußboden. Dabei hielt er die Arme in der Schwebe und die Zunge zwischen den Zähnen.
Behutsam faßte er den Thürgriff an, der, von der Sonne durchglüht, ihm in der Hand brannte; langsam und vorsichtig, mit gerunzelter Stirn und zusammengekniffenen Augen, drehte er ihn herum.
Jetzt öffnete er die Thür ein wenig, beugte sich durch die Öffnung vor und legte die Blumen auf einen Stuhl, der neben der Thür stand. Es war dunkel im Zimmer, als wären die Vorhänge geschlossen, und die Lnft war gleichsam feucht von Duft, von Nosenölduft.
Grcnzboten II. 1883. 24