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Kleine Chronik vom Reichstage. 3.
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fühlte sich durch frühere Erklärungen beengt und kein Hörer wurde ermüdet durch Wiederholungen schon bekannter Programme, wie das sonst infolge des halböffentlichen Charakters der Ausschußverhandlungen unvermeidlich war. Der Ton der Debatte, das Gepräge der Reden war des Hauses und der Sache würdig. Die Polemik war bestimmt und ehrlich, aber frei von Leidenschaft und persönlicher Gereiztheit, die Haltung der Hörer bei regstem.Interesse gemessen und zu stürmischen Affectäußcrungen wenig geneigt. In der Verhandlung offen­barte sich bei allen Theilen ein guter Wille zur Verständigung auf annehmbaren Grundlagen und bei den meisten auch guter Glaube an das Gelingen des nationalen Werkes.

Es war überraschend, wie principielle Gegner in dem Vertrauen zusammen­trafen, daß sowohl eine vollständige Ablehnung der Borlage in der Gestalt, in der sie gemacht worden, keineswegs ein Scheitern der' Einheitssache bedeute, daß vielmehr dem ersten mißlungenen Versuche unfehlbar ein zweiter folgen werde, der ganz gewiß gelingen müsse. Sie beide bauten theils auf die Wucht der Lage und 'den Drang der Nation, theils auf das Ministerium, an dessen Neigung zu Compromissen die Einen, an dessen Energie die Anderen appel- lirten.

Der Abgeordnete Twesten begann die Debatte mit einem ausführlichen Vortrage, in welchem er das Glaubensbekenntniß der National-Liberalen in der vorliegenden Frage entwickelte. Die Ncde dauerte über eine Stunde, zeichnete sich durch Klarheit und Schärfe aus, war aber ruhigste Deduction und hatte keine zündende Wirkung. Seinen Ausgangspunkt gab der Redner etwa so an: Wir müssen an das Wert des Vcrfassungsbaues mit der Resignation heran­treten, daß wir zunächst nichts Abschließendes leisten, sondern nur ein Gerüst hinstellen können, dessen innere Vollendung der Folgezeit zu überlassen ist, aber wir müssen daran festhalten, keine Bestimmungen zu treffen oder gut zu heißen, die eben diesem Ausbau den Weg verlegen oder ihn in unheilvolle Bahnen drängen müßten. Das Letztere würde geschehen, wenn der vorliegende Entwurf unverändert angenommen werden sollte.

Hierauf wirft Referent einen Rückblick auf die Frciheitsbestrebungen der Kammern in den deutschen Klein- und Mittclstaatcn, die darum stets so ziellos verliefen, weil sie, so lange die Großmächte absolutistisch regiert wurden, gleich­zeitig um die Einheit zu ringen hatten und in dem steten Gegenspiel zwischen Anspannung und Erschlaffung ihre Kraft verbrauchten.Erst durch die preu­ßischen Ncichsstände," sagt Dahlmann einmal,kann dem constituiioncllen System in Deutschland ein gesicherter Ausbau werden." Preußen ist ein constitutioneller Staat geworden, die ungeheuren Erfolge des letzten Sommers haben ihn zur Basis der deutschen Einheit gemacht und die Verfassung, die jetzt geschaffen werden muß, darf nicht durch die innere Politik die Scheidewand befestigen,