Jahrgang 
1911: 1909/1910 / hrsg. vom Reichskolonialamt
Entstehung
Seite
559
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Allgemeines. Spezieller Krankheitsbericht.

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über den die Anlage durchsclmeidenden Weg fort, gelangen wir zu einer ähnlichen aber etwas größeren Baracke B 2. Hinter B 1 liegen zwei neu errichtete kleine Häuser aus Holz mit Palmenblatt­dächern H 1 und H 2, ersteres ist hauptsächlich für Dysenteriekranke bestimmt, letzteres für Familien. Beide Häuser stehen auf Holz­pfählen, besitzen vermittels Schiebeladen verschließbare vier Fenster und je eine Tür. Die Bretterwände sind etwa 170 cm hoch, die Grund­fläche der Gebäude beträgt etwa 700 X 350 cm.

Etwa 250 Schritte hinter dem Hospitale, hundert Schritte seit­wärts von dem erwähnten Wege liegt ein drittes Gebäude, ähnlich den beiden zuletzt erwähnten, aber größer (375X1050X175 cm). Es enthält drei Räume, ein als gemeinschaftlicher Aufenthaltsort ge­dachtes Mittelzimmer, sowie seitlich je ein Zimmer für Männer und Frauen. In ihm finden die Syphilitiker aus den benachbarten Dörfern und jene aus Rota, sowie solche von hier Unterkunft, die aus irgend einem Grunde in ihrer Familie nicht verbleiben können resp. keine näheren Angehörigen besitzen. Bei diesem Luetikerheime befindet sich eine Küche, ein Wasch- und ein Klosetthaus, sowie ein kleines Feld, auf dem die Leute Süßkartoffeln ziehen. Leider werden die Ernten durch die zahlreichen Ratten fast immer vernichtet. Tabak, den sich die Leute gleichfalls angepflanzt haben, scheint dagegen gut fortzukommen. Zwei noch aus spanischer Zeit stammende lepröse Frauen wohnen in einer abgelegenen Hütte außerhalb der Ortschaft. Das auf der im Hafen liegenden Insel Maniagaha erbaute, auf niedri­gen Holzpfählen stehende Quarantänehaus, aus einheimischem Materiale bestehend, ist seit einigen Wochen fertig. Es liegt sehr malerisch in einer kleinen Lichtung, umgeben von Schirmbäumen, Kasuarinen und Papajabäumen. Hinter ihm befindet sich ein kleines Kochhaus. Nach Aufstellung eines Wassertanks dürften alle billigen Bedingungen, welche man unter den primitiven Verhältnissen stellen kann, erfüllt sein.

II. Spezieller Krankheitsbericht.

1. Krankheiten der Weifsen.

Ein Fall von I) a r m e r k r a n k u n g verdient Interesse.

Nach der Kaisergeburtstagsfeier traten bei einem Europäer, der früher an einer schweren Dysenterie gelitten hatte, sehr heftige Schmerzen am unteren Rande der Leiter auf, dann setzten Krämpfe ein, Patient wurde mehr oder weniger bewußtlos und rollte sich mit Händen und Füßen um sich schlagend, auf dem Fußboden herum. Mit Hilfe von sechs der kräftigsten Eingeborenen und zwei Europäern war ich nicht immer imstande, den sehr starken Mann festzuhalten. Zwei Morphiuminjektionen sowie Opium äußerten zunächst keine ersichtliche Wirkung, doch hörten die Krämpfe nach etwa 3 Stunden endlich auf. In der Gegend der Gallen­blase war eine kleine, spindelförmige Vortreibung zu fühlen, so daß ich zunächst an Gallensteinkolik dachte. Es wurde mir indessen später von dem Kranken mitgeteilt, daß es sich hier, wie in Europa festgestellt ist, um einen infolge der erwähnten Dysenterie beschädigten Darmteil handle, der teilweise gelähmt sei und nach Diätfehlern solche Anfälle hervorrufe.

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