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Wirtschaftsgeographie.
Bis zu seiner Besitzergreifung lieferte Deutsch-Ostafrika neben wenigen pflanzlichen Handelserzeugnissen nur Sklaven und Elfenbein, die beide verhältnismäßig billig waren, weil eine Ware die andere trug. Bloß dadurch, daß der Negersklave oder das schwarze Elfenbein die Elefantenzähne oder das weiße Elfenbein auf seinem Kopfe und seinen Schultern zur Küste brachte, war es möglich, die hohen Frachtkosten zu sparen, die bei den ungeheueren Entfernungen entstanden. Mit der Zeit hatte sich der gesamte Verkehr nach Sansibar gezogen, wo die Agenten der europäischen Firmen saßen, während die Häfen der langgestreckten Festlandsküste wenig benutzt und fast vergessen waren. Zwar hat der Sklaven- und Elfenbeinhandel das Karawanenwesen Ostafrikas überhaupt erst ins Leben gerufen, andererseits haben aber die mit den Menschenjagden verbundenen Greuel und die Gewalttaten der Araber das Land entvölkert und verwüstet. Die Unterdrückung des Sklavenraubes, die den Negersklaven als Ausfuhrgegenstand entwertete, und der unaufhaltsame Rückgang der Elefanten, den die Einführung von Schonzeiten und andere Schutzmaßnahmen wohl kaum aufhalten werden, mußten auch den Elfenbeinhandel schwer schädigen. Das heute ausgeführte Elfenbein stammt vielfach noch aus weit zurückliegenden Zeiten, in denen die Elefanten so häufig waren, daß die Häuptlinge sich ungeheure Vorräte an Elfenbeinzähnen anlegen konnten. Aber auch diese Schätze haben infolge der lebhaften Nachfrage eine stetige Verminderung erfahren. Obendrein folgt der Elfenbeinhandel Deutsch- Ostafrikas mehr und mehr den besseren Verkehrswegen der Nachbarkolonien und geht zu einem guten Teile über Britisch-Ostafrika nach London und Liverpool, während die Hauptmasse durch den Kongostaat nach Antwerpen, dem Hauptstapelplatze des Elfenbeinhandels, gebracht wird. So kommt es, daß das Elfenbein, das 1893 noch die erste Stelle unter den Ausfuhrgegenständen unserer Kolonie einnahm, seitdem von andern Erzeugnissen rasch überflügelt worden ist und heute für den Gesamthandel Deutsch-Ostafrikas keine ausschlaggebende Bedeutung mehr besitzt.
Der wirtschaftliche Wert unseres ostafrikanischen Schutzgebietes liegt zurzeit im Handel mit den von den Eingeborenen gewonnenen Produkten und im pflanzungsmäßigen Anbau tropischer Nutzgewächse. Sehr unzutreffend hat man Deutsch-Ostafrika in starker Überschätzung seines kolonialen Nutzwertes mit Indien verglichen. Dürren und Heu-