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In den Jahren 1901—1903 konnten noch an 120 Leute aus den Hei- den getauft werden. Im Taufunterricht verblieben 100. Die Erweckung hatte überall um sich gegriffen; die Gottesdienste wurden besucht wie nie zuvor; die Schulen zählten 150—200 Schulkinder. Die Zahl der Gemeindeglieder war auf 656 gestiegen, mit 187 Abendmahlsberechtigten. Die Gemeindeleistungen betrugen im Jahre 1903: 1853,86 M. In den 31 Jahren ihres Bestehens waren es im ganzen 12000 M. Daneben hatte die Gemeinde eine stattliche Gemeindeherde von 70—80 Stück Großvieh und ein Kapital von nahezu 2000 M.
Wie ersichtlich, war die Gemeinde nur langsam gewachsen. Im Kirchenbuche stehen nur 800 Seelen als Getaufte. Die Ursache hiervon war, daß es mir nicht möglich war, schnell zu taufen. Immer wieder mußte ich mich fragen: „Kannst du die Leute für den Schritt verantwortlich machen, den sie mit der Taufe tun?" Die Gemeindeältesten und Evangelisten waren auch nicht für schnelles Taufen zu haben. „Die Leute müssen erst wissen, um was es sich handelt," sagten sie ganz richtig.
Das Leiden meiner lieben Frau nötigte uns schließlich, im Jahre 1903 in die Heimat zurückzukehren und meine teure Gemeinde und Arbeit zu verlassen. Da ging es ans Abbrechen und im Juni ans Losreißen. Nachdem ich meine Abschiedspredigt über Ps. 103, 1—3 gehalten und in der letzten Gebetsstunde den Leuten Offb. 3, 10 zugerufen hatte, erfolgte der mir unvergeßlich bleibende Abschied, bei dem kein Auge von Heiden wie Christen trocken blieb. Die Gemeinde konnte ich meinem lieben Nachfolger, Missionar Brockmann, den die Leute lieb hatten, mit getrostem Herzen übergeben. Viel Liebe, Gnade und Barmherzigkeit hat mir mein Gott in den 31 Jahren aus Otjosazu erwiesen: „Herr, ich bin zu geringe aller Treue und Barmherzigkeit, die du an mir getan hast." Möge der treue Herr die Gemeinde mit ihren Ältesten und Evangelisten zum Salz, Licht und Segen auch fernerhin sein lassen. Mit diesem Gebet schieden wir von der Stätte, wo wir Gottes Hülfe so reichlich erfahren und sein Nahesein so oft verspürt hatten. — Die Gemeinde trat mit in den Aufstand ein, und Ströme Blutes sind auf den Friedensstätten dort seitdem geflossen.
Otjitzeva.
Die fünfte Station, die in den Friedensjahren 1870—1880 angelegt werden konnte, ist Otjizeva. Otjizeva liegt auf der rechten Seite eines Nebenflusses des Swakop, etwa anderthalb Tagereise südlich von Okahandja. Als Missionar Brincker und ich im Juli 1872 auf der Suche nach geeigneten Plätzen für Missionsstationen dort ankamen, gefielen uns die beiden Plätze Unter- und Ober-Otjizeva gut. Das Flußbett stand voll saftigen Grüns und