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Die Herero : ein Beitrag zur Landes-, Volks- und Missionskunde / von J. Irle
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Abfälle, angesehen. Es sind mir, trotz der vielen Weißen, die damals im Lande waren, nur wenige Fälle dieser Art bekannt geworden; bei dreien kamen Engländer in Betracht. Die drei Kinder dienten, von den Herero ver­achtet, als Viehwäckter. Einige Deutsche vervollständigten die Zahl. Einige Engländer heirateten Hereromädchen, reicher Leute Kinder, ließen sich mit ihnen trauen, lebten mit ihnen wie Eheleute und ließen ihre Kinder christlich erziehen. Diese Ehen standen auch bei den Herero in Ehren, und die Kinder zählten sie zu den Ihrigen. Notzucht war unerhört. Hatten Kinder an­gesehener Leute sich vergangen, so wurde dies mit zehn Stück Vieh gebüßt. Unfruchtbare Frauen wurden selten entlassen, der Mann hatte aber das Recht, eine zweite Frau dazu zu nehmen. Unnatürliche Verbrechen, wie Abtreibung der Frucht, kamen eher vor; Blutschande jedoch nicht. Wo man bei ganz ver­kommenen Leuten von solcher hörte, erregte sie Abscheu und Verachtung.

Die alten Herero kannten trotz ihres zerrütteten Ehelebens doch noch Schranken der Sitte und der Ehre. Leider sanken diese seit 1885 mit dem Hereinkommen der Deutschen fast ganz dahin. Vergewaltigungen aller Art kamen seitens mancher Soldaten und Weißen vor. Ehen mit Hereromädchen durften jene nicht eingehen, dafür ging die Hurerei im Schwange, ohne irgend­welche Bestrafung zu erfahren. Eine Menge Kinder aus solchenVerhältnissen" ein Wort, das ja so oft Unzucht und Sünde zudecken muß liefen zur Schande des deutschen Namens im Lande herum. Auf Windhuk gab es deren nur 71, und im ganzen Lande wohl die doppelte Zahl.Nur wenige hielten sich für zu gut, sich mit den ,Hyäne>L, den eingebornen Weibern, abzugeben." Die Herero waren alledem gegenüber machtlos. Gestraft konnte in der alten Weise nicht mehr werden. Die Männer aus der Missionsgemeinde zogen mit ihren Frauen und Töchtern ins Feld, um diese, wie sie sagten, gegen solche Verbrechen zu schützen. Doch ich habe nicht die Absicht, das Gefühl sträubt sich dagegen, diesen ganzen Sumpf zügelloser Fleischeslust bloßzulegen. Aber welche Schuld hat auch hiermit das deutsche Volk gegen dasunter seinen Schutz" genommene Volk der Herero auf sich geladen!

9. Morcj.

Kein Weißer war von den Herero bis zum Jahre 1903 ermordet wor- . den. Den Fall mit dem Engländer Christ und seinem Begleiter Mac Nab in der Kriegszeit 1880 kann man nicht als beabsichtigten Mord bezeichnen. Es verrät eine große Unkenntnis oder auch Haß gewisser Bücherschreiber, wenn sie schon vor dem Ausstand schrieben, die Herero hätten Weiße ermordet. Daß die Herero in den Kriegen ihre Feinde, Nama und Bergdamra, mordeten, bleibt stehen. Die Nama hatten es aber noch viel ärger getrieben. Sie statt dessen den Herero gegenüber in Schutz zu nehmen, ist die Kehrseite solcher unbilligen Darstellung. Wir Missionare haben es nie abgeleugnet, daß die