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nieder, und sein Stamm war der erste, unter welchem die Mission Wurzel faßte. Er erkannte in den Missionaren, die er freundlich behandelte, nicht allein ein Mittel, seine Macht zu befestigen, sondern auch sein Volk zu heben. Seine eigenen Söhne sowie die Söhne anderer Häuptlinge sandte er in die Eingebornen-Gehilfenschule nach Otjimbingue und ließ sie dort unterrichten. Zur Befestigung seines Ansehens bewog er auch die andern Häuptlinge, Missionare bei sich aufzunehmen und diese freundlich zu behandeln. Ein rechter Priesterkönig, der sich für das Leben aller, der Schwarzen wie der Weißen, der Händler wie der Missionare verantwortlich fühlte! Diese Machtstellung, die er alle fühlen ließ, haben ihm viele Händler und Reisende sehr übel ausgelegt. So viele schlechte Eigenschaften aber Maharero auch hatte, so kann man ihm doch nicht absprechen, daß er für sein Volk sorgte und die unterjochten Herero wieder zu einem Volk machte, mit dem auch die Weißen rechnen mußten. Mit den Engländern schloß er 1875 einen Freundschaftsvertrag ab. Ein englischer Resident, Palgrave, und Major Musgrave wohnten in seiner Residenz Okahandja, und mit ihnen regierte und beeinflußte er die andern Stämme. (Siehe: Englisches Protektorat.) Auch mit der deutschen Regierung schloß er einen Schutz- und Freundschastsvertrag im Jahre 1885 ab, den er jedoch schon 1888 wieder löste. (Siehe: Deutscher Schutzvertrag.) Maharero starb 1890, leider zu früh für die Entwicklung des Landes und Volkes. Sein Sohn Samuel wurde als nichtberechtigter Thronfolger durch Hauptmann von Fran^ois zum Oberhäuptling gemacht, und der berechtigte Thronfolger Nikodemus beiseite geschoben. (Siehe: Erbrecht und Erbteilung.)
S. Macht äes Häuptlings.
Wie wir gesehen, hat jeder Stamm seinen eigenen Häuptling. Das Ansehen und die Macht eines solchen besteht jedoch weniger in der Zahl seiner Leute als in der seiner Herden. Die Brüder eines omulionu sind seine Ratsleute und Helfer. Sie beaufsichtigen die Herden, nehmen an den Ratssitzungen teil und heißen ovunöiis, Große. — Das Verhältnis eines Häuptlings zu seinen Untertanen ist das eines Vaters zu seinen Kindern. Das ganze Volk, vom Oberhäuptling bis zum letzten Untertan, betrachtet sich als eine große Familie. Der Häuptling kennt alle seine Leute und nimmt teil an ihrem Wohl und Wehe. Ist jemand krank oder gestorben, so wird ihm das gemeldet. Ist jemand in Not, so findet er bei dem Häuptling Hilfe. In Kriegszeiten gibt dieser jedem Krieger seine Munition und sorgt bei Zeiten dafür, daß seine Leute sich mit den besten Gewehren versehen. — Da es bei den Herero noch keine Staats- und Einkommensteuer gibt, so sind die Häuptlinge für ihren Unterhalt auf ihren eignen Viehbestand angewiesen. Maharero hatte eine Anzahl alter, reicher Herdenbesitzer, von denen er sagte: „Sie unterhalten und ernähren mich." Ein ferneres Einkommen war für ihn ein gewisser