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Die Herero : ein Beitrag zur Landes-, Volks- und Missionskunde / von J. Irle
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und es. Als mein Kollege davon hörte, war er natürlich über diesen frechen Diebstahl an Hellem Tage ärgerlich. Der Häuptling aber fragte ganz erstaunt, ob denn der Missionar die Sitten und Rechte der Herero nicht kenne? Er habe ja nur getan, was alle anderen auch täten; das sei durchaus kein Dieb­stahl! Im übrigen ist es mit der Sicherheit des Eigentums so bestellt wie im alten Sparta; es besteht die Freiheit zum Stehlen, nur muß sich der Dieb nicht ertappen lassen.

4. Eigentumsrecht an Menschen unci Sklaverei.

Sklaverei gibt es bei den Herero nicht. Obwohl sie wissen, daß ihre Nachbarn, die Ovambo, Menschen verkaufen, verachten sie dies, und es gilt ihnen als großes Unrecht. Sie kaufen oder verkaufen nie ein Kind oder einen Knecht. Kriegsgefangene, Kinder und Frauen von Nama und Bergdamra, behalten sie als Knechte, und je nach dem sich diese betragen, ist ihr Los leicht und schwer. Die Bergdamra werden nicht schlechter behandelt als jeder arme Hereroknecht. Sie werden wie alle, die nicht zu den Herero gehören, Ovatua genannt, was fälschlich zu der Annahme geführt hat, als seien sie Sklaven. OimituL aber heißt nicht: Sklave, sondern nur: Nichtherero. (Siehe Kapitel: Bergdamra). Erst mit der deutschen Herrschaft fingen die Herero-Häuptlinge an, auf Begehren der Regierung gegen 1000 arme Leute an die Johannis- burger Goldminen-Gesellschaft zu verdingen. Samuel Maharero erhielt für jeden seiner Leute 10 M. Man sieht dies zwar nicht als Sklaverei an, aber im Grunde genommen waren diese Leute damit ihrer Freiheit beraubt.

S. Verfassung.

Die Verfassung der Herero ist eine Art Patriarchalismus. Sie werden von Häuptlingen (ovLkong.) regiert; diese sind zugleich die Priester ihres Stammes. Jeder Stamm hat einen solchen Priesterhäuptling. Der Ober- Häuptling, d. h. der reichste, stärkste und angesehenste Häuptling heißt owu- konu omlmrg,, was etwa unserm Souverän entspricht. Die Nachfolge in der Häuptlingschaft erbt sich nicht auf den ältesten Sohn des Häuptlings fort, sondern auf den ältesten Sohn seiner ältesten Schwester. Ein eigentlicher Akt einer Salbung oder Einsetzung des neuen Thronfolgers findet nicht statt.

Der hervorragendste unter allen Hererohäuptlingen war Maharero, d. h. der,der nicht von gestern her ist." Er wurde von allen andern Häupt­lingen als Oberhäuptling anerkannt, weil er der Anführer in den Freiheits­kämpfen 18611868 war. Mit Hülfe des Unterjochers der Herero, des Jonker Afrikaner, hatte er schon vorher manchen Stamm seine Macht fühlen lassen und war schließlich von den Herero ebenso gefürchtet, als es Jonker war. Durch seine vielen Heiraten mit den Töchtern anderer reicher Häupt­linge hatte er diese an sich gekettet. Der große Friedensschluß 1870 in