haben aber auch die Flutsagen ihren Ursprung in den Erfahrungen, welche die großen Fluten und wolkenbruchartigen Regen hervorgerufen haben. Schwerlich darf man wenigstens die jetzige Form der Flntsage auf eine allgemeine Überlieferung über die Sintflut zurückführen. Möglich ist auch, daß sich ihnen die durch die Missionare vermittelte Kenntnis des biblischen Flutberichtes mit ihren alten Erfahrungen vermischt und zu derartigen Sagen- gebilden verdichtet hat. Die Annahme Missionar Brinkers, daß der Omum- borombongabaum die Arche Noahs und die Ombomischlange die Paradiesesschlange seien, sind eben auch nur Vermutungen und sonst nichts. Selbstverständlich sind sowohl die Herero wie auch die Ovambo, ja überhaupt fast alle Bantuvölker, die ja so lange ohne Schriftsprache waren, reich an alten Sagen und Legenden, deren Wiedergabe allein ein kleines Büchlein beanspruchen würde.
3. Der Ahnenkultus cler lksterero.
Wir haben schon im vorhergehenden Abschnitt gesehen, daß der eigentliche Kultus, die religiösen Übungen der Herero, nicht dem Gott des Himmels,
sondern den Ovakuru gelten. Unter diesen nehmen die verstorbenen alten
Häuptlinge jedes Stammes die erste Stelle ein. Dabei verehren der Sohn eines großen verstorbenen Häuptlings wie auch der ganze Stamm diesen alten Vater als ihren Gott. Aber die Urahnen dieses Häuptlings verehren sie
nicht, ja sie kennen sie kaum dem Namen nach und wissen ihre Gräber nicht mehr. Nur der Omumborombongabaum ist ihnen der Repräsentant dieser
Urahnen, und ihm erweisen sie ihre Ehrfurcht in heiliger Scheu. Kommt ein Herero in seine Nähe, so verbeugt er sich, kniet nieder und sagt: „Nute
iVIukiu'iu'uiuö u Mi'u", d. i. Altvater, er ist heilig, unnahbar. Keiner wagt
es, unter seinem herrlichen Schatten auszuruhen. Der heilige Baum ist für sie dasselbe, was das Tabu für die Südsee-Jnsulaner. Aber sie werfen ihm
Zweige des Omuvapu-Strauches auf seine Äste, üben ihm gegenüber also
Fetischdienst; doch bringt man ihm keine Opfer dar.-
Ist der heilige Baum den Herero der Repräsentant der ältesten Urahnen, so versinnbildlichen die heiligen Stöcke, die Ozohongue, Zweige des Omuvapu (Rosinenstrauches), die Ahnen. In jedem Häuptliugshaus befindet sich ein Bündel dieser etwa 20 ein langen Stäbchen. Beim Tode des letzten Häuptlings wurden sie mit einem gewissen Teil des heiligen Stieres (Omusisi), der aus diesem Anlaß geschlachtet wurde, umwickelt. Jedes dieser Stückchen stellt einen Ahnen dar; bei jeder richtigen Opferhandlung finden sie ihre Verwendung. Sobald wieder ein Stammeshäuptling stirbt, wird ein neues Stäbchen dem Bündel hinzugefügt. Diese sowie die noch zu erwähnenden Ozondume und Otjija (siehe S. 80) nennen sie Ovisenginina. Dies ist das jetzt gebräuchliche Wort für „Götzen" oder „Fetische" geworden. Doch haben