Zeitschriftenband 
Teil 3 (1919) Beiträge zur Völkerkunde des Ost-Mbamlandes / unter Mitarb. von Theodor Mollison ... von Franz und Marie Pauline Thorbecke
Entstehung
Seite
107
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an Mundwinkel und Daumenansatz kann nicht gut mit dem Spinnenmotiv des westlichen Grashochlandes in Verbindung gebracht werden, weil bei diesen stilisierten Spinnen-Darstellungen die Strahlenbeine stets nach allen Seiten gehn. Eher möchten wir glauben, daß die Tätowierungsmuster den anatomischen Bedingungen der Körperteile, die sie schmücken, angepaßt werden; der halbe Strahlenkranz an Daumen und Mundwinkel, der das Ausstrahlen von einem Punkt nach mehreren Seiten betont, läßt sich so deuten (Nr. 5 und 8); ebenso das Tätowierungsmuster Nr. 9 (bjiu-jeschün) auf dem Leib des Mannes: der Kreis betont den Nabel, die nach oben strebenden, flügelartigen Teile heben die durch die Rippenansätze bezeichnete Mittellinie heraus und das Ausladen der Brust nach beiden Seiden. Auch die Tätowierung Nr. 12 ( mahüia ) auf dem seitlichen Nacken ließe sich wohl ähnlich deuten: die Breite der Schultern, darauf die Dünne des Halses, die den wieder breiteren Kopf trägt. Die gestrichelte Ausführung erklärt sich überall durch die Technik der Tätowierung. Die echten Tikar-Motive sind heute schon vielfach durch fremde verdrängt, Muster ausTibati und aus Bamum beherrschen die Mode, jedes Tiermotiv ist z. B. eine Nachahmung der in Bamum üblichen Tätowierungen.

Die Ornamentik der Tontöpfe zeigt vorwiegend Strichmuster in gegen ein­ander gestellten Strichlagen, die der Eisentechnik Linien, in Zickzack oder Bogen­führung, de3 Gelbguß Spiralen und Zöpfe. Daraus geht klar hervor, daß die Tikar nicht wie etwa die Bamum einen bestimmten Schatz von Ornamenten haben, den sie in den verschiedensten Techniken an allen möglichen Gegenständen wiederholen. Die Tikar lassen den Ornamentschmuck eines jeden Gegenstandes aus seinem Material entstehen: wie er in diesem oder jenem Material, in dieser oder jener Technik am besten und leichtesten anzubringen ist, wird er ausgeführt.

Musik, Tänze und Feste

In der Gedankenwelt des Tikar nehmen, wie in der aller Neger, Musik, Tanz, Feste einen wichtigen Platz in allen Wünschen und Vorstellungen ein. Einfache Musik ist eine freundliche Begleiterin des täglichen Lebens, die Aussicht auf einen Tanz am Abend facht Willen und Kraft des ermüdeten Mannes wieder an, ein im kleinen Kreis begonnener Tanz ruft bald das ganze Dorf als Teilnehmer oder Zuschauer herbei; bei größeren Festen strömt der ganze Stamm am Sitz des Häupt­lings zusammen, mit Tanz und Musik sind auch die nur dem Eingeweihten zu­gänglichen, geheimnisvollen Totenfeiern von Edelleuten und Häuptlingen ver­knüpft.

Daß wir der Sprache nicht mächti" waren, hat sich bei den Beobachtungen über diese Äußerungen der geistigen Kultur am meisten fühlbar gemacht. Gedanken und Vorstellungen, selbst auf religiösem Gebiet, vermochten uns unsre Leute wohl in einer ruhigen Stunde auf Pidgin mitzuteilen; sobald sie aber Rhythmus und Erregung der Musik gefaßt hatte, waren sie nicht mehr im Stande, unmittelbar und spontan das zu übersetzen, was der Sänger aussprach; und spätere Erzählungen über den Inhalt eines Liedes fielen stets so dürftig und allgemein aus, daß man deutlich merkte, wie dem Hörer und dem Sänger