Die Fähigkeit des Rechnens, besonders des Rechnens in der bloßen Vorstellung, ist keineswegs so entwickelt, wie der Zahlbegriff selbst. Von den vier elementaren Rechnungsarten sind dem Tikar nur Addition und Subtraktion bekannt. Aber schon die Subtraktion bereitet ihm Schwierigkeiten; Multiplikation und Division sind, außer im dezimalen Zahlensystem, Begriffe, die in seinen Kopf nicht hineingehn, wie Versuche bei sonst sehr intelligenten Leuten ergaben: keiner konnte je 6 X 3 ausrechnen. Reines Kopfrechnen wird im allgemeinen wohl nur zwischen 1 und 20 geübt, häufig werden auch da die Finger zu Hilfe genommen. Gehen die Zahlen höher hinauf, ohne runde Dezimalzahlen zu bleiben, so bedient man sich rasch gebrochener Holzstäbchen oder Stückchen von trocknen, dicken Grashalmen. Einzig im Dezimalsystem ist dem Tikar eine Art von Multiplikation geläufig. Er ist sich z. B. darüber klar, daß 3X 10 = 30 ist, und er kann begreifen, daß 40x100 = 4000 ist; das hängt aber lediglich mit dem in Hunderten zusammengefaßten Zahlungsmittel, den auf Schnüren gereihten Kauri zusammen. Solche Art Rechnung kann der Tikar sogar im Kopf machen. Sobald es sich aber bei den Hundertem und Tausendern um addieren handelt, wenn z. B. bei einem größeren Kauf 1300+-1900 gerechnet werden soll, so nimmt er Holzstückchen, von denen jedes alsdann wie 100 (= einer Schnur Kauri) rechnet. Bei ganz großen Kaufgeschäften, z. B. beim Kauf eines Pferdes, das Hunderttausende von Kauri kosten kann (600—1000 Kauri = 1 Mk.), zählt sogar ein Hölzchen für 10 Schnüre oder 1000 einzelne Kauri, wieder ein Beweis für die klare Erfassung des Dezimalsystems.
Die Wertschätzung der Kauri schwankt, in Ngambe rechnete man 1912 etwa 6 Kauri auf l Pfennig, in Jakong schien man 8—10 Kauri = 1 Pfennig einzuschätzen.
Zeit und Zeitrechnung
Sonne, Mond und Jahreszeiten sind die Zeitmesser, die Sonne für den Tag, der Mond für den Monat, Regenzeit und Trockenzeit für das Jahr. Eine Wocheneinteilung kennt der Tikar nicht, da er keinen regelmäßigen Ruhe- oder Festtag hat. Wie viele West-Afrikaner ist er mit dem Stand der Senne ganz vertraut, fragt man ihn, wieviel Zeit man brauche, um einen andern Ort zu erreichen, so weist er mit der Hand auf eine bestimmte Höhe des Himmels, wobei er stets die Himmelsrichtung gut angibt; mit seinem Schritt wird er auch zu der Stunde, da die Sonne an der so bezeichneten Stelle steht, dort eintreffen. Die Bewegung dieses Deutens der Sonnenhöhe wird mit ausgerecktem Arm und flacher Hand ausgeführt, Handrücken und Handfläche stehen senkrecht. Der Arm wird erst in die Höhe geführt und dann bis zur richtigen Höhe hinuntergeschlagen, dio Schmalseite des kleinen Fingers schneidet bei der rasch ausgeführten Bewegung die Luft.
Eine andre Art, eine Weglänge zu bezeichnen, ist die Angabe der Zahl der Savannenstrecken, der „Grasfelder“ (gras oder grafis in Pidgin), die man überschreiten muß. Da sie aber von sehr verschiedener Ausdehnung sein können, je nach der Dichte des Wasser- und Waldgeäders, ist diese Wegeangabe recht ungenau. Sie ist wohl entstanden aus dem Bewußtsein, daß die