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Schantung und seine Eingangspforte Kiautschou : mit 3 grossen Karten ausser Text (1 topographische und 1 geologische Karte der Provinz Schantung, 1Karte des nordöstlichen China), 3 kleinen Karten im Text und 9 Lichtdrucktafeln / von Ferdinand von Richthofen
Entstehung
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Aenderungen im Lauf des Hwanghö.

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Als der Mensch von diesem Land Besitz ergriff, begann er früh mit Versuchen, den Strom zu bannen und ihn in das Bett einzuzwängen, welches eben vorgefunden wurde. Es wurden Dämme gebaut, die den Fluss seiner Freiheit zur Herbeiführung von Ueberschwemmungen beraubten und ihn zwangen, die Sedimente, die er sonst auf die Ebene auszubreiten pflegte, in das Meer zu führen. Aber der vorschiebende Sand erhöhte nun sein Bett noch schneller als früher über die anliegende Gegend; an einer schwachen Stelle durchbrach er die Schranke; man versuchte zuweilen er­folgreich, ihn noch für einige Zeit zurückzudämmen; aber schliess­lich, wenn es ihm gelang die Bresche zu erweitern, behauptete er sein Recht über den selbst geschaffenen Schuttkegel und wälzte seine ganze Wassermasse aus seinem Kanal hinaus über die Ebene hin. Fand er dann das Bett eines Flusses, das zum Meer ge­richtet war, so ging er bei ihm zu Gaste, nahm sein Bett ein, das er bald erweiterte, und wälzte seine Fluthen mit ihm vereint dem Meere zu. Zu wiederholten Malen hat sich dies in der Ge­schichte ereignet. Die historischen Aenderungen sind aufgezeichnet, denn sie spielen eine grosse Rolle in der wirthschaftlichen und politischen Geschichte des nördlichen China. Die Fruchtbarkeit der Ebene lockte zur Ansiedelung, und es entstanden blühende Landschaften, in denen eine fleissige Bevölkerung dicht geschaart lebte. Kam dann über sie eine plötzliche Fluth des gefürchteten Stromes, so waren sie verloren, denn bei dem ebenen Charakter des Landes wurden sofort breite Flächen vom Wasser bedeckt; nur die in den Randgebieten Lebenden konnten sich retten, die Anderen kamen um; und oft hat man diese nach Hunderttausenden geschätzt. Vergeblich wurden die zu Wächtern des Stromes be­stellten Beamten, denen grosse Summen zur Instandhaltung der Dämme anvertraut waren, degradirt oder mit dem Tode bestraft. Trug auch manchmal Nachlässigkeit bei den Dammarbeiten die Schuld, oder wurde sogar von Rebellen oder kaiserlichen Truppen eine Bresche absichtlich gelegt, um eine feindliche Armee unter Wasser zu setzen, so traten doch, wenn das Bett zu stark erhöht war und die Fluth eine ungewöhnliche Höhe erreichte, natürliche Be­dingungen ein, welchen die sorgfältigste Pflege nicht mehr Trotz zu

v. Richthofen, Schantung.

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