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Brasilien und die deutsch-brasilianische Kolonie Blumenau / von [Karl A.] Wettstein
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Die Komark Blumenau. Die Landwirtschaft.

der Landwirtschaft herausheben. Aber die Vorbedingungen müssen auch dazu bessere Verkehrsmittel bieten.

Diese Frage ist um so wichtiger, als das Munizip Blumenau fast aus­schließlich ein Land der Landwirtschaft darstellt. Mit der Landwirtschaft steht und fällt heute noch die Kolonie, während Joinville durch seinen Durchgangshandel vom Hochland und infolge seiner besseren Küstenverbin­dung die Stufe der reinen Landwirtschaft bereits verlassen hat.

Die Landwirtschaft.

Die heutigen Formen der Landwirtschaft der Komark Blumenau dürfen wir nicht als bald vorübergehende bezeichnen. Sie sind von Haus aus eine Folge des gebirgigen Geländes, sie stellen die Wechselwirkungen aus der Ent­wicklung der Ausfuhrartikel insbesondere der Butter dar, und sie standen seither still, weil die Tauschwirtschaft der Kaufleute wenig zu erhöhter Be­triebsamkeit der Landwirtschaft reizte.

Vom indianischen Ureinwohner, der auf der Stufe des Jägers, Fischers und Sammlers steht, waren keine Formen zu übernehmen. Mit indianischem Hackbau kam der Ansiedler deshalb nicht in Beziehung und die halbwilde Viehzucht der brasilianischen Kampbewohner konnte ihm in Urwald nichts nützen. Die Ansiedler kamen vielmehr von selbst durch das bergige Gelände und die 40 bis 60 cm hohen Baumstümpfe, die sie zur Erleichterung des Waldschlags stehen gelassen hatten, zum Hackbau, der in diesen gebirgigen Gegenden und vor allem bei dem überwuchernden Unkraut der frischen Ur­waldrodung (Roga) mit Unrecht als eine notwendigerweise barbarische Form hingestellt wird. In der Ebene, wo das Hacken mühseliger als am Hange ist (die Leute arbeiten im bergigen Gelände besonders gern mit der Hacke), und im älteren Kulturland, das weniger üppiges Unkraut zeitigt, geht der Kolonist von selbst allmählich zur Pflugwirtschaft über.

Es sind also Einflüsse des Geländes und der Vegetation hier gleichzeitig maßgebend, zumal Zugtiere und Pflugscharen behufs Übergang zum eigentlichen Ackerbau den einwandernden pommerschen Instleuten gewiß bekannt waren. Die bisherige Entwicklung der Wirtschaftsform ist deshalb eine vorwiegend technisch bedingte gewesen. Die rechtliche Entwicklung der Landwirt­schaft ergab sich aus der Kolonisationsgeschichte im allgemeinen und der eigen­artigen Losaufteilung im besonderen. Diese Verhältnisse liegen in einem Neuland ohne Berücksichtigung verlangende Urbewohner sehr einfach und von einer so­zialen Entwicklung der Landwirtschaft kann man heute noch wenig reden. Die Gegensätze zwischen Kaufleuten und Kolonisten sind erst in letzter Zeit dem sich bedrückt fühlenden Bauer zum Bewußtsein gekommen; auch hat die Ausschei­dung vom Großbauern auf der einen und Arbeitern auf der andern Seite eben erst jetzt eingesetzt. Aber in einer gesellschaftlichen Hinsicht wirkt der Kolonie­charakter und das Vorhandensein ausgedehnter und für Generationen reichender