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[Bd. 5] (1895) Australien und Ozeanien : eine allgemeine Landeskunde / von Wilhelm Sievers
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Die Mittelpolynesier. Die Nordpolynesier: Hawaii.

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Götterbildern oder Standbildern der Verstorbenen geschmückt und bei Vornehmen geradezu als Tempel betrachtet. Das gewöhnliche Volk jedoch wurde natürlich ohne Sang und Klang verscharrt. Gesänge, Musik, Tänze waren der heiteren Lebensanschauung entsprechend allgemein verbreitet.

2. Die Aordpokynesier: Die Kawaiier.

Die Bewohner der Hawaii-Gruppe, ein weiteres Glied der polpnesischen Nasse, sollen etwa im 6. Jahrhundert nach Christus von Samoa her eingewandert sein. Während einer 1200jäh­rigen Besiedelung der Inselgruppe haben sie in: ganzen zwar ihre Übereinstimmung mit den übrigen Polpnesiern in Körperbau, Sprache, Sitteu, Gebräuchen und religiösen Anschauungen gewahrt, aber infolge der langen Isolierung manches davon immerhin so eigenartig entwickelt, daß eine besondere Schilderung ihrer Eigentümlichkeiten geboten isü

Zu Zeiten der Entdeckung der Inseln durch Cook waren sie wahrscheinlich bereits in De­generation begriffen; vor allem scheint es, als ob ihre Religion im Stadium des Verfalles war. Die Hawaiier bezeichneten sich selbst mit dem Namen Kannten, d. h. Menschen, ein Name, der allmählich auf alle Südseestämme, auch die Melanesier, übergegangen ist, aber ursprünglich vor allem den Hawaiiern eigen war. Ihre geringe Zahl (Ende des 18. Jahrhunderts etwa 300,000) läßt darauf schließen, daß der Verfall durch zu geringe Erneuerung des Blutes und durch den Mangel an Auffrischung und Vermischung mit Eingeborenen anderer Inselgruppen hervorgerufen worden ist. So ist denn auch der überraschend schnelle Rückgang während eines einzigen Jahrhunderts (von 300,000 auf 30,000) iu der Berührung mit der Kultur wohl als eine Folge der schon begonnenen Zersetzung anzusehen.

Das malayische Element in ihrem Körperbau uud den Sitten tritt auch bei dieseu am weitesten abgesprengten Gliedern der polpnesischen Völkerfamilie hervor: hoher Wuchs, kräftiger Bau, schwarzes Haar, dunkelbraune Hautfarbe, schwarze Augeu, platte Naseu, aufgeworfene Lippen sind charakteristisch. Nur das weibliche Geschlecht zeichnet sich vor den übrigen Polpnesiern durch Schönheit der Körperformen, anmutige Züge und regelmäßige Bewegungen aus und erhält auch im Alter nicht den bei den Naturvölkern oft so abschreckenden Ausdruck vollendeter Häßlichkeit.

Die Kleidung bestand früher bei den Männern aus einem schmalen Lendentuche,Malo", bei den Frauen aus einen: Hemde von Tapastoff,Pau", das von der Brust bis zu den Knieen den Körper bedeckte. Eine Art Mantel diente als Schutz gegen die Unbilden der Witterung. Kopf­bedeckung aber und Fußbekleidung (Sandale::) wurden selten getragen. Die Könige trugen bei festlichen Gelegenheiten den aus den gelben Federn zweier Vögel gefertigten langen Mantel Mamo, die niederen Häuptlinge kürzere Federmäntel von gelbroter, die Priester ebensolche von roter Farbe. Helme aus Federu, Halsketten und Armbänder aus Muscheln, Knochen, Zähnen dienten den Vornehmen zum Schmuck. Der beliebteste Gegenstand des Schmuckes wareu aber für das gesamte Volk von: König bis zum uiedrigsten Knecht Blumen und duftende Kränze. Heutzutage sind die nüchternen europäischen Anzüge und Hüte bei den Männern an die Stelle der alten malerischen Kleidung getreten, und auch die Frauen bedienen sich teilweise europäischer Kleider. Das hauptsächliche Kleidungsstück der Frauen ist aber der Holoku, ein langes weißes, von den: Halse bis zu den Füßen reichendes Gewand; daneben spielen Halsketten und namentlich Blumen noch immer eine große Rolle (s. Abbildung, S. 336). Die Tättowierung ist auf den hawaiischen Inseln nur in geringen: Grade geübt worden, wie sie auch vor Cook's Zeit nur auf wenige farbige Linien an den Armen und Fingern beschränkt gewesen ist.

Die Häuser der Hawaiier bestanden aus hölzernen Gerüstei:, worüber Zweige und Blätter gebreitet wurden, deren Zweck wesentlich die Abhaltung der heißen Sonnenstrahlen war; breite